Bei archäologischen Ausgrabungen in der nordostfranzösischen Stadt Senon haben Forscher ein antikes römisches Stadtviertel freigelegt und dabei einen außergewöhnlichen Münzschatz entdeckt. Rund 40.000 römische Münzen, verwahrt in drei Keramikgefäßen, wurden geborgen. Die genaue Funktion dieser Ansammlung ist bislang unklar und gibt den Wissenschaftlern Rätsel auf.
Fundumstände und erste Erkenntnisse
Die Archäologen stießen auf drei Amphoren, die jeweils mit Münzen gefüllt und so in den Boden eingelassen waren, dass ihre Öffnungen bündig mit der damaligen Oberfläche abschlossen. Bereits das erste freigelegte Gefäß enthielt zwischen 23.000 und 24.000 Münzen mit einem Gesamtgewicht von rund 38 Kilogramm. Laut Vincent Geneviève, Numismatiker am französischen Nationalinstitut für präventive archäologische Forschung (Inrap), umfasst der gesamte Schatz etwa 40.000 Exemplare. Die Münzen stammen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. und zeigen Porträts der Herrscher Victorinus, Tetricus I. und Tetricus II., die dem sogenannten Gallischen Sonderreich vorstanden.
Historischer Kontext: Das Gallische Sonderreich
Das Gallische Sonderreich war ein kurzlebiger Staat, der sich während einer Phase politischer Instabilität vom Römischen Reich abgespalten hatte. Es umfasste zeitweise Gebiete des heutigen Germaniens, Galliens, Britanniens, Hispaniens und Rätiens. Die Abspaltung wurde unter anderem mit dem Anspruch begründet, die westlichen Provinzen effizienter verwalten und verteidigen zu können als die Zentralregierung in Rom. Erst im Jahr 274 n. Chr. gelang es Kaiser Aurelian, den letzten Herrscher des Sonderreiches, Tetricus, zu besiegen und die abtrünnigen Gebiete wieder in das Reich einzugliedern. Die Münzen liefern somit wertvolle Einblicke in die politische Geschichte dieser turbulenten Epoche.
Mögliche Funktion des Münzschatzes
Die genaue Funktion des außergewöhnlich umfangreichen Münzfundes ist bislang ungeklärt. Nach Einschätzung der Wissenschaftler spricht jedoch wenig dafür, dass es sich um einen privaten Notvorrat oder einen versteckten Schatz handelt. Stattdessen ziehen die Archäologen die Möglichkeit in Betracht, dass die Münzen als Vorrat für die Auszahlung von Sold an römische Truppen dienten. Diese Annahme wird unter anderem dadurch gestützt, dass die Öffnungen der Amphoren jederzeit zugänglich waren und sich in einer Entfernung von lediglich rund 150 Metern eine römische Befestigungsanlage aus derselben Epoche befand. Es ist daher denkbar, dass Soldaten oder Verwaltungsbeamte die Aufbewahrung und Verteilung der Münzen überwachten. Der gesamte Münzschatz wurde inzwischen dem Inrap zur fachgerechten Reinigung und numismatischen Untersuchung übergeben. Von den laufenden Analysen erhoffen sich die Forschenden neue Erkenntnisse zur Datierung, Zusammensetzung und ursprünglichen Funktion dieses außergewöhnlichen Fundes.
Spuren keltischer Besiedlung und römischer Stadtentwicklung
Neben den Überresten aus der Römerzeit legten die Archäologen auch Spuren einer deutlich älteren Besiedlung frei. In den tiefsten Schichten der Ausgrabungsstätte fanden sie Reste früherer Gebäude, darunter Gruben, Gräben sowie Pfostenlöcher, die einst Holzkonstruktionen und mit Lehm ausgefachte Wände trugen. Die Funde werden in die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Zu dieser Zeit gehörte die Region zum Siedlungsgebiet der Mediomatriker, eines keltischen Stammes, dessen Hauptort Divodurum Mediomatricorum, das heutige Metz, war.
Mit der römischen Eroberung Galliens setzte ein tiefgreifender Wandel der Siedlungsstruktur ein. Spätestens gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. hatte das nun freigelegte Stadtviertel seine endgültige Gestalt erreicht. Zwei gepflasterte Straßen wurden von steinernen Wohnhäusern gesäumt, die unter anderem mit Kalkböden, Hypokaustenheizungen, Öfen und Kellern ausgestattet waren. Hinter den Gebäuden befanden sich Innenhöfe, von denen einige handwerklich genutzt wurden. Die archäologischen Befunde zeichnen das Bild einer wirtschaftlich bedeutenden römischen Stadt mit lebhaftem Handel und einer gut entwickelten Infrastruktur. Ein verheerender Brand zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. markierte offenbar einen entscheidenden Einschnitt in der Stadtentwicklung und leitete den allmählichen Niedergang der römischen Siedlung ein.



