Oswald Mathias Ungers: Der Architekt der Urform wird 100
Architekt Ungers: Der große Schleifer wird 100

Oswald Mathias Ungers (1926-2007), der heute 100 Jahre alt geworden wäre, gilt als einer der einflussreichsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts. Für Kritiker war er der „Quadrat-Tyrann“, für viele andere ein Vorbild. Seine frühere Pressereferentin und persönliche Assistentin Anja Sieber-Albers beschreibt ihn als einen Menschen mit besonderem Gehirn: „Wenn wir Besprechungen hatten und er sagte 'Hol mal eben das Foto', und ich das dann geholt habe, dann hat er gesagt: 'Nein, nein, es gibt da noch ein anderes, da ist die Wolke links.' Ein fotografisches Gedächtnis. Ich kenne niemanden, der so viel im Kopf hatte.“

Strenger Chef und strenger Stil

Ungers sei ein „strenger Chef“ gewesen, sagt Sieber-Albers, und streng war auch seine Architektur. Wer sich selbst ein Urteil bilden will, kann sich seine Bauten ansehen: das Messe-Torhaus in Frankfurt, die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, die Galerie der Gegenwart in Hamburg und die Dorotheenhöfe in Berlin. Noch einflussreicher war Ungers als Architektur-Theoretiker und Hochschullehrer. Seine analytisch-wissenschaftliche Herangehensweise prägte Generationen. Dekorative Moden? Die kommen und gehen. Aber ein klar proportionierter Baukörper kann über Jahrhunderte Bestand haben. Das war seine Philosophie. Persönliche Selbstverwirklichung über völlig eigenständige Ausdrucksformen war nicht sein Ding. „Er war kein Witzmann, kein Spaßmacher“, sagt Sieber-Albers.

Ausstellung „Architektur als Idee“

Die langjährige Mitarbeiterin hat gemeinsam mit Ungers' Tochter Sophia eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) kuratiert, die noch bis zum 27. September zu sehen ist. „O.M. Ungers – Architektur als Idee“ heißt die Schau. Sie zeigt vor allem, dass Ungers viel mehr als ein Architekt war. Er entwarf auch Möbel, Schmuck und Gärten. All das verschmilzt zu einem Gesamtkunstwerk. Zu Beginn der Ausstellung sieht man Ungers hochbetagt, wie er in einer Retrospektive seines Werks in der Berliner Nationalgalerie vor einem Foto von sich als jungem Professor steht. Auf beiden Bildern trägt er einen Trenchcoat – auch vom Kleidungsstil her blieb er sich treu und ignorierte Moden.

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Die Entwicklung zur Urform

Die Ausstellung konzentriert sich auf einige beispielhafte Bauten, angefangen bei seinem ersten eigenen Wohnhaus in Köln von 1958. Rund 40 Jahre später errichtete er ein weiteres Wohngebäude, das „Haus ohne Eigenschaften“. Hier gibt es auf den ersten Blick kein vorn und kein hinten, noch nicht mal eine Haustür. „Der Briefträger wusste nicht, wo er die Post lassen sollte“, erinnert sich Sieber-Albers. Der Vergleich macht deutlich, dass Ungers im Laufe der Zeit immer weiter auf Ausschmückendes verzichtete. „Er hat gesagt: 'Ich hab' immer weiter abgeschliffen, abgeschliffen, abgeschliffen, bis das hier übrig bleibt – die Urform.'“ Ungers, der große Schleifer. Damit ging er einen ähnlichen Weg der Abstraktion wie der ihm gut bekannte Maler Gerhard Richter.

Moderne Architektur und historische Bezüge

Auf Instagram gibt es derzeit zahllose Gegenüberstellungen, bei denen deutsche Straßenzüge und Plätze vor den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs mit der heutigen Situation verglichen werden. Die Aussage ist immer: „So schön war's mal – so hässlich ist es heute.“ Sicher trifft das vielerorts zu. Doch einer pauschalen Ablehnung moderner Architektur würde Ungers entgegentreten. Ihr Vater habe die historischen Bezüge durchaus aufgenommen, aber sie in einer modernen Sprache interpretiert, sagt Sophia Ungers dazu. So baute er sich in der Eifel ein Landhaus, mit dem er an die römischen Villen anknüpfte, die diese Gegend einst geprägt hatten. Und als er den Auftrag erhielt, die Residenz des deutschen Botschafters in Washington zu errichten, spielte er auf die Säulenarchitektur amerikanischer Landgüter des 18. Jahrhunderts an – wobei die Säulen bei ihm viereckig ausfielen. Historisierende Nachbauten lehnte er ab. Seine Überzeugung war: Die Geschichte ist Teil der heutigen Welt, man kann sich auf sie beziehen, aber man darf sie nicht imitieren. Jede Zeit muss ihre eigene Ausdrucksform finden – auch in der Architektur.

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