Seit dem Wochenende gehört die „Papageiensiedlung“ in Berlin-Zehlendorf zum Unesco-Welterbe. Was einst als Spott begann, ist nun eine weltweite Auszeichnung: Die bunte Waldsiedlung des Architekten Bruno Taut wurde am Sonntag im südkoreanischen Busan in das Denkmal-Ensemble der „Siedlungen der Moderne“ aufgenommen.
Ein soziales Experiment wird Kulturerbe
Die Waldsiedlung, offiziell so genannt, entstand zwischen 1926 und 1931 und war ursprünglich für Arbeiter konzipiert. Doch die grünen, gelben und blauen Häuser zogen auch Künstler, Musiker und Schriftsteller an. „Der Geist der Nachbarschaft ist hier schon immer stark gewesen“, sagt Ute Scheub, Journalistin und Mitgründerin des Kiez-Vereins, die seit rund 30 Jahren in einem der Häuser lebt. Die Siedlung umfasst rund 800 Reihenhäuser und 1100 Geschosswohnungen, eingebettet in hohe Kiefern und Gärten auf dem ehemaligen Forstgelände.
Der federführende Architekt Bruno Taut (1880–1938) strebte einen Gegenentwurf zu den beengten Verhältnissen vieler Berliner an: geräumig, lebenswert und dank serieller Bauweise erschwinglich. Schon die direkte Integration der Ladenzeile in den U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ war damals eine Neuheit.
Widerstände und der „Zehlendorfer Dächerkrieg“
Das Konzept polarisierte von Anfang an. „Es hat von Anfang an Stunk gegeben, weil die mehrheitlich konservativen Zehlendorfer hier keine Arbeiter wohnen haben wollten“, sagt Scheub. Taut musste um die Baugenehmigung ringen. Ab 1928 ging der „Zehlendorfer Dächerkrieg“ durch die Presse: Eine Baugesellschaft setzte den flachen Bauten der Papageiensiedlung Gebäude mit spitzen Satteldächern entgegen. Als Reaktion baute Taut ein rund 500 Meter langes, buntes Mehrfamilienhaus – ein „Peitschenknall ins Gesicht der Bourgeoisie“.
Trotz der Anfeindungen schuf Taut Wohnraum auf ungewöhnlich hohem Niveau. „Taut hat damals auf einem ungewöhnlich hohen Niveau Wohnraum geschaffen, der noch heute eine besondere Qualität hat“, betont der Berliner Landeskonservator Christoph Rauhut.
Späte Anerkennung und neue Sorgen
Die Siedlung steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Dass sie nicht schon 2008 mit den sechs anderen Berliner „Siedlungen der Moderne“ Unesco-Welterbe wurde, lag vor allem am schlechten Zustand vieler Fassaden. Der Wohnungskonzern Vonovia, dem mittlerweile ein Großteil der Mehrfamilienhäuser gehört, ließ sie sanieren. Dadurch wurde die Waldsiedlung für eine Nachnominierung qualifiziert.
Manche Mieter sehen jedoch das soziale Erbe Tauts durch den Immobilienkonzern bedroht. Als Kehrseite des Welterbe-Status fürchten sie steigende Mieten. Ein Sprecher der Vonovia-Tochter Deutsche Wohnen betont auf Anfrage: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Status und der Miethöhe.“
Ein Jahrhundert Papageiensiedlung
Die Aufnahme ins Welterbe fällt mit dem 100. Jubiläum der Siedlung zusammen. Die Bewohner haben Grund zum Feiern – getreu der Tautschen Philosophie: „Wie die Räume ohne den Menschen aussehen, ist unwichtig. Wichtig ist nur, wie die Menschen darin aussehen.“ Die Nachbarn in Zehlendorf, die einst über die bunten Häuser lachten, können nun stolz auf ihr Weltkulturerbe sein.



