Kobai Halstenberg lässt in ihrem Buch „Wie Treibholz auf Asphalt“ junge obdachlose Menschen zu Wort kommen, die sonst kaum Gehör finden. Die Journalistin und Juristin hat mit vierzehn Kindern und Jugendlichen gesprochen, die auf der Straße gelandet sind. Ihre Geschichten handeln von Gewalt, Drogen, Verlust – aber auch von Zusammenhalt und kleinen Hoffnungsschimmern.
Schicksale junger Obdachloser
Einer der Protagonisten ist der 20-jährige Maximilian. Er sagt: „Als ich 14, 15 war, hätte mir mehr Kontrolle safe geholfen. Ich konnte machen was ich wollte.“ Seine Karriere begann mit dem Kiffen, führte ins Gefängnis und in soziale Einrichtungen. Seine Mutter verbot ihm den Kontakt zur Schwester. Trotz allem träumt er davon, Koch auf einem Kreuzfahrtschiff zu werden. „Was mir Motivation gibt, ist Zeichnen“, erzählt er, was er im Knast für sich entdeckte.
Kalina erlebte körperliche und seelische Gewalt durch ihre Mutter: „Irgendwann wollte ich nur noch von zu Hause weg.“ Terry hingegen zog mit einer Gruppe nach Berlin und später zu Fuß nach Spanien zu einer Hippiekommune: „Mir hat die Idee von einem freien Leben dort gefallen.“
Gewalt und Zusammenhalt auf der Straße
Cindy war angewidert vom Leben auf der Straße, „weil da ekelige Männer waren, es gefährlich wurde“. Jenny hingegen beschreibt ein „tolles Miteinander. Man ist ja wie ein Rudel, da muss man aufeinander aufpassen.“ Simon erlebte das Gegenteil: „Ich hatte Alkohol getrunken und bin umgekippt. Jemand kam vorbei und tat so, als wollte er mir hochhelfen. Aber er hat mir den Arm gebrochen und gesagt: ‚So du Scheißpenner, kannst hier liegenbleiben.‘“
In Deutschland waren 2024 rund 44.000 alleinstehende Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre ohne feste Wohnung. Die Dunkelziffer derer, die auf Sofas von Freunden oder in Notunterkünften übernachten, ist unbekannt. Mädchen und Jungen sind etwa gleich betroffen. Die Bundesregierung will mit einem Nationalen Aktionsplan Wohnungslosigkeit beenden, doch bis dahin ist jeder Tag für viele eine Gratwanderung.
Ein Buch mit Trigger-Warnung
Halstenbergs Buch enthält eine Trigger-Warnung, denn die Geschichten handeln von Obdachlosenfeindlichkeit, körperlicher und emotionaler Gewalt, Suizidversuchen, Selbstverletzungen, Essstörungen, Drogensucht, Depression, Mobbing und sexueller Gewalt. Doch sie zeigen auch Zusammenhalt, Freiheit und kleine Schritte in ein neues Leben. „Redet mit uns!“, sagt Keks, die trotz einer scheinbar glücklichen Kindheit durch Mobbing auf die Straße geriet. Sie und ihr Freund machen nun eine Therapie und wollen eine gemeinsame Zukunft aufbauen.
Maximilian wünscht sich mehr Gesprächsmöglichkeiten mit Psychologen: „Normalerweise fress‘ ich alles in mich hinein und rede mit niemandem.“ Ein Psychologe müsse aber „einen Draht zu einem haben. So wie zu dir jetzt zum Beispiel“, sagt er zu Halstenberg. Das Buch ist eine eindringliche Lektüre, die zeigt: Wenn Kinder und Jugendliche entgleiten, ist die ganze Gesellschaft gefragt. Die Illustrationen stammen von Vanessa Mundle, die Interviewten bleiben anonym.



