Langroths Schwarzer Samstag: Kuba-Krise trifft Spiegel-Affäre
Langroths Schwarzer Samstag: Kuba-Krise und Spiegel-Affäre

Im September 1962 steht die Welt am Rande eines nuklearen Abgrunds. Die Kuba-Krise erreicht ihren Siedepunkt, während die Spiegel-Affäre die junge Bonner Republik erschüttert. Ralf Langroth verknüpft in seinem fünften Philip-Gerber-Roman „Schwarzer Samstag“ genau diese beiden historischen Wendepunkte zu einem atemlosen Politthriller, der gleichermaßen unterhält und aufklärt.

Die reale Ausgangslage könnte spannender kaum sein: US-Präsident John F. Kennedy droht dem Kreml mit Kernwaffen, falls Kuba mit sowjetischer Hilfe die USA attackiert. Sein Bruder Justizminister Robert „Bobby“ Kennedy mobilisiert 100 FBI-Agenten und eine Pioniereinheit der Armee, um in Mississippi einem schwarzen Studenten das Recht auf Universitätsbesuch zu erkämpfen. In London debattiert das Parlament derweil über den Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Welt steht in Flammen – politisch wie militärisch.

Kanzlerdämmerung und die vierte Gewalt

In der Bundesrepublik hält Konrad Adenauer zwar noch das Kanzleramt besetzt, doch seine Ära geht dem Ende entgegen. Der CSU-Star Franz-Josef Strauß wittert seine Chance, verbaut sie sich jedoch gründlich, als er sich mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ anlegt. Die Affäre um die Verhaftung von Redakteuren wegen angeblichen Landesverrats wird zur Zerreißprobe für die Pressefreiheit und beendet Strauß‘ Kanzlerambitionen frühzeitig. Genau in diesem politischen Beben sitzt Eva Herden, Journalistin im Bonner „Spiegel“-Büro, als Ehefrau des BKA-Ermittlers Philip Gerber.

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Gerber selbst will mit Eva auf einer Kreuzfahrt eigentlich nur abschalten. Doch die Begegnung mit schrägen Gestalten an Bord macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Offiziell sind die Männer als Tee- und Weinhändler getarnt, doch Gerber ahnt schnell: Das Trio – ein Feldwebel der Waffen-SS, ein Feuerwerker der Wehrmachts-Elitedivision Großdeutschland und ein Mitglied der berüchtigten Sondereinheit Dirlewanger – hat mit edlen Tropfen nichts im Sinn. Es geht um Waffenschmuggel in großem Stil.

Ermittlungen zwischen Hamburg und Havanna

Zurück in Hamburg führt die Spur auf den Kiez. Auf St. Pauli kommt es zur Konfrontation: Eine bekannte Sängerin stirbt, ein Polizist wird schwer verletzt. Der Angreifer, ein gewisser „Messer-Bruno“, setzt sich mit seinen Komplizen nach Kuba ab – dorthin, wo die Weltkrise gerade ihren Höhepunkt erreicht. Gerber, der eigentlich vom Dienst suspendiert werden sollte, ermittelt auf eigene Faust weiter.

Seine Frau Eva hat unterdessen ein Angebot bekommen, das sie nicht ablehnen kann: ein Interview mit Kubas neuem Staatschef Fidel Castro. Vor Ort aber wird sie mit bürokratischen Hürden hinghalten, bis sie schließlich zu Castro vorgelassen wird – der gerade Tischtennis spielt und seine Inszenierung für die Kameras genießt. Eva durchschaut die Show, spürt jedoch, dass im Hintergrund eine gigantische Operation läuft. Die USA haben eine Seeblockade verhängt, um sowjetische Raketen und Waffenlieferungen zu stoppen.

Die „Völkerfreundschaft“ als gefährlicher Schauplatz

Vor der Küste Kubas taucht ein Kreuzfahrtschiff der DDR auf: die „MS Völkerfreundschaft“, beladen mit linientreuen Genossen und Genossinnen. Doch an Bord hat Gerber heimlich einen Geheimagenten geschmuggelt, der die Lage im Auftrag der Bundesrepublik erkunden soll. Die Sache wird explosiv, als ausgerechnet der totgeglaubte Bruder des Agenten auftaucht – als Landmaschinen-Ingenieur und mit Ehefrau getarnt. Jede falsche Bewegung könnte den Funken liefern, der die Welt in Brand steckt.

Langroth inszeniert diese Verstrickung mit sichtlichem Vergnügen an historischen Details. So entspricht die „Völkerfreundschaft“ dem echten Schicksal der MS Stockholm, die 1956 mit der „Andrea Doria“ kollidierte und später an die DDR verkauft wurde. Die Männer tragen Armbanduhren aus dem VEB Ruhla, zu Mittag gibt es Rostocker Hafenbräu und Dorsch in Dill-Senf-Soße – die Kulisse der Sechzigerjahre erwacht bis ins kleinste Accessoire.

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Historische Präzision und erzählerische Wucht

Der fünfte Band der Philip-Gerber-Reihe, erschienen bei Rowohlt als Buch und bei Argon als Hörbuch, führt die Erfolgsgeschichte der Serie fort, die bereits den Mauerbau zum Thema hatte. Die Hörbuchfassung wird erneut von Johannes Steck meisterhaft eingelesen. Steck gelingt es, den Tonfall der Figuren ebenso präzise zu treffen wie die bedrohliche Atmosphäre der Kuba-Krise – das Ohr wird zum Zeitzeugen.

Langroths Erzählweise ist dicht, detailreich und mit feinem Humor gespickt. Ein Bonmot jagt das nächste, sei es die absurde Idee eines Kreuzfahrtschiffes als Agenten-Tarnung oder die unfreiwillig komischen Momente in Castros Tischtennis-Zeremonie. Gleichzeitig bleibt die historische Kulisse ernsthaft und gut recherchiert – der Leser spürt, dass hier eine Welt am Abgrund steht, ohne dass die Handlung ins Melodramatische abrutscht.

Am Ende bleibt ein nachdenklicher Unterton: Die Welt von 1962 hatte keine Handys, kein Internet, dafür Kaffee und Zigaretten en masse. Doch die globalen Bedrohungen sind geblieben – Iran, Israel, Trump, Putin. Im Vergleich dazu mag die Kuba-Krise fast wie eine Kindergartenparty wirken, gefährlich ohne Zweifel, aber mit klaren Regeln. Langroth nutzt diese Parallelen geschickt, um den Leser in den Bann zu ziehen und zugleich die Gegenwart zu schärfen. „Schwarzer Samstag“ ist mehr als ein Krimi – es ist eine Reise in eine entschleunigte Zeit, die dennoch die großen Fragen von Krieg und Frieden stellt. Der fünfte Streich wird mit Sicherheit nicht der letzte sein.