Nachruf: Gotthard Erler, bedeutendster Fontane-Kenner, mit 93 gestorben
Nachruf: Gotthard Erler, Fontane-Kenner, mit 93 gestorben

Der Berliner Germanist, Verleger und herausragende Fontane-Experte Gotthard Erler ist kurz nach seinem 93. Geburtstag am 20. Juni in Berlin gestorben. Er hinterlässt ein umfangreiches Lebenswerk, das die deutsche Literaturlandschaft nachhaltig geprägt hat.

Die Anthologie „Reisebilder“ – ein literarischer Schatz

Besondere Bekanntheit erlangte Erler durch seine dreibändige Anthologie „Reisebilder“, die zwischen 1975 und 1979 im VEB Hinstorff Verlag Rostock erschien und später im Carl Hanser Verlag übernommen wurde. Ein vierter Band folgte 1986 gemeinsam mit seiner Ehefrau Therese Erler. Die Sammlung umfasst literarische Reisebeschreibungen von etwa 1780 bis 1890 und machte Werke von Goethe, Heine, Fontane und vielen anderen wieder zugänglich.

Für DDR-Bürger hatte diese Anthologie eine besondere Bedeutung, da Reisen in den Westen oft nicht möglich war. Erler selbst formulierte es: „Wir reisten im Kopf.“ Seine Kommentare zu den Texten zeugen von eleganter Feder, profundem Wissen und persönlicher Anteilnahme.

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Ein Leben für Theodor Fontane

Erler widmete sein Forscherleben vor allem dem Werk Theodor Fontanes. Seit 1994 gab er die Große Brandenburger Ausgabe heraus und galt als bedeutendster Kenner des Dichters. Anlässlich seines 90. Geburtstags wurde er 2023 entsprechend gefeiert. Seine letzte Publikation, die Biografie „Emile Fontane. Dichterfrauen sind nicht immer so“, erschien 2024.

Verlegerische Wiedergutmachung und Erinnerung an das Exil

In der DDR setzte sich Erler trotz offiziellen Antizionismus für jüdische Autoren ein. Sein „Erweckungsbuch“ war Victor Klemperers „LTI“, und später sorgte er dafür, dass Klemperers Tagebücher 1995 im Aufbau Verlag erscheinen konnten. Er arbeitete mit der Fontaneforscherin Charlotte Jolles und dem Verleger Fritz Landshoff zusammen, die aus jüdischen Familien stammten und ins Exil getrieben wurden. Erler beschrieb seinen Impuls als „Versuch einer individuellen Wiedergutmachung für Opfer der barbarischen Zäsur von 1933“.

Eine persönliche Begegnung

Der Autor dieses Nachrufs, Wolfgang Geisthövel, lernte Erler 2014 kennen, als er ihm Material für eine Ausstellung schickte. Erler antwortete postwendend: „Wie erfreulich und aufregend sind solche Erinnerungen an ‚abgelebte Zeiten‘. Ich hoffe, daß Sie mit Ihren Sammelobjekten demnächst nach Berlin kommen und wir uns dann die Hand drücken können.“ Erst 2022 kam es zu einem Treffen, bei dem Erler in weißen Handschuhen in Erstausgaben blätterte und sich über die gemeinsame Leidenschaft für Reiseliteratur freute.

Mit Dankbarkeit blickt man auf das beeindruckende Gesamtwerk von Gotthard Erler zurück, das die literarische Reisebeschreibung und die Fontane-Forschung nachhaltig bereichert hat.

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