Gerade mal eine Seite gelesen, schon leuchtet das Handy auf, und man ist wieder abgelenkt. Das Überangebot an digitaler Zerstreuung und die fortschreitende Verkürzung der Aufmerksamkeitsspannen führen dazu, dass die Menschen immer weniger lesen: Fast die Hälfte der EU-Bürger:innen liest kein einziges Buch im Jahr. Der deutsche Buchhandel schlägt Alarm, gleichzeitig werden in Berlin Lesepartys immer beliebter. Was steckt dahinter? Ein Besuch beim Silent-Reading-Club im Café des Museums für Kommunikation.
Was sind Silent-Reading-Partys?
Bei einer Silent-Reading-Party treffen sich Lesebegeisterte in einem Café oder einer Bar, um gemeinsam zu lesen – jeder für sich, aber in Gesellschaft. Die Regeln sind einfach: Stille, keine Gespräche, nur das Rascheln von Seiten und das Schlürfen von Kaffee. In Berlin gibt es mittlerweile mehrere regelmäßige Treffen, die oft ausgebucht sind.
Warum der Trend?
Die Digitalisierung hat die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen verkürzt. Smartphones, soziale Medien und permanente Benachrichtigungen erschweren es, sich auf ein Buch zu konzentrieren. Der Silent-Reading-Club bietet einen geschützten Raum, in dem das Lesen wieder zur Hauptsache wird. „Es ist eine bewusste Auszeit vom digitalen Lärm“, sagt eine Teilnehmerin. Die Atmosphäre erinnert an eine Bibliothek, aber mit Café-Flair.
Buchhandel in der Krise
Laut einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lesen 48 Prozent der EU-Bürger kein einziges Buch pro Jahr. In Deutschland sind es immerhin noch 40 Prozent, die regelmäßig lesen, aber der Trend ist rückläufig. Der Buchhandel leidet unter Umsatzrückgängen, während gleichzeitig die Nachfrage nach solchen Events steigt. „Silent-Reading-Partys sind ein Zeichen dafür, dass Menschen das analoge Lesen wiederentdecken wollen“, erklärt eine Veranstalterin.
Ein Besuch im Museum für Kommunikation
Im Café des Museums für Kommunikation in Berlin-Mitte treffen sich jeden ersten Dienstag im Monat rund 30 Leser. Sie bringen eigene Bücher mit oder leihen welche aus der Museumshibliothek. Die Stille ist fast greifbar, nur ab und zu klingelt eine Kaffeetasse. Nach einer Stunde gibt es eine kurze Pause, in der man sich austauschen kann – aber nur leise. „Das gemeinsame Schweigen verbindet“, sagt ein Stammgast. „Man fühlt sich weniger allein beim Lesen.“
Zukunft des Lesens
Ob Silent-Reading-Partys den Buchhandel retten können, ist fraglich. Sie sind ein Nischenphänomen, aber sie zeigen einen Weg auf, wie Lesen wieder attraktiv werden kann. Die Veranstalter planen bereits weitere Termine und hoffen, dass der Trend auch in andere Städte überschwappt. Vielleicht ist die Stille ja die Antwort auf die digitale Reizüberflutung.



