Warum Tech-Milliardäre Gibsons "Neuromancer" völlig falsch verstehen
Warum Tech-Milliardäre "Neuromancer" falsch verstehen

William Gibsons bahnbrechender Roman „Neuromancer“ wird 42 Jahre nach seiner Veröffentlichung von Apple TV+ als Serie adaptiert. Doch während das Buch als düstere Warnung vor einer turbo-kapitalistischen Zukunft konzipiert ist, interpretieren Tech-Milliardäre wie Elon Musk und Sam Altman die Geschichte offenbar als Blaupause für ihre eigenen Projekte. Ein gefährlicher Irrtum, wie Christian Stöcker in seiner Kolumne darlegt.

Ein visionärer Roman wird 42 Jahre später aktueller denn je

Der 1984 erschienene Roman „Neuromancer“ prägte nicht nur den Begriff „Cyberspace“, sondern entwarf eine Welt, in der Konzerne mächtiger sind als Staaten, eigene Geheimdienste und Armeen unterhalten und Menschen in virtuellen Realitäten Zuflucht suchen. Schon damals skizzierte Gibson das Phänomen der Influencer – Personen, die in Simulationen ein perfektes Leben führen und von ihren Fans angehimmelt werden. „Das ist 2026 aktueller, als es 1996 oder 2006 war“, schreibt Stöcker. Die gesellschaftliche Ungleichheit, die das Buch beschreibt, hat sich seitdem weiter verschärft.

Der Kulturwissenschaftler Ali Rıza Taşkale bringt die Diskrepanz zwischen Gibsons Vision und der Realität auf den Punkt: „Gibson stellte sich den Cyberspace als einen von Konzernen beherrschten Ort vor; das Silicon Valley baute zuerst das offene Internet, schlug dann aber doch den Weg in Richtung seiner Dystopie ein. Der Unterschied ist, dass dieser Weg in ›Neuromancer‹ die zu vermeidende Katastrophe darstellte. Sie haben aus dieser Warnung einen Produktplan gemacht.“

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Milliardäre als falsche Fans

Besonders Elon Musk scheint „Neuromancer“ als Handlungsanweisung zu verstehen. In einem Verfahren gegen OpenAI wurde eine E-Mail von Musk öffentlich, in der er die Entwicklung von Neuralink lobte: „Die Elektronik ist so kompakt, dass sie plan in der Schädeldecke liegt, man sieht nur den USB-C-Anschluss und ein bisschen drumrum. Sehr trippy. Genau wie Neuromancer.“ Dabei übersieht Musk, dass das Buch die direkte Verbindung von Mensch und Maschine als Teil einer düsteren, entmündigenden Zukunft darstellt – nicht als erstrebenswertes Ziel.

Stöcker erinnert an Musks Fehlinterpretation anderer Science-Fiction-Werke. Der Milliardär hält sich für einen Rebellen wie Han Solo aus „Star Wars“, während er tatsächlich die Macht eines Imperators ausübt. Auch Iain Banks' „Culture“-Serie, eine Utopie eines bekennenden Sozialisten, wird von Musk missverstanden. Banks selbst sagte kurz vor seinem Tod, die Menschheit sei „zu dumm und aggressiv“ und zu „xenophob“ für eine solche Zukunft – Eigenschaften, die Musk öffentlich zur Schau stellt.

Warum die Warnung ignoriert wird

Gibsons Vision von Rechenzentren im Orbit, die in „Neuromancer“ ein zentrales Element darstellen, wird von SpaceX derzeit als Produktversprechen vermarktet. Experten warnen jedoch vor den enormen Umweltbelastungen solcher Projekte. Der Autor selbst nutzt seinen X-Account, um gegen die Klimakrise und für die Demokraten zu werben. Kürzlich repostete er eine Warnung: „Wacht verdammt noch mal auf, bevor es zu spät ist. KI-Rechenzentren breiten sich quer durch die USA aus und verbrauchen Milliarden Liter Wasser.“

Die Technologiekonzerne von heute, so Stöckers Fazit, haben aus Gibsons Dystopie nicht die Lehren gezogen, die sie hätten ziehen sollen. Stattdessen setzen sie die Warnungen in Geschäftsmodelle um. Der Autor, der die Gegenwart so treffend vorhersah, versteht die Probleme besser als die Milliardäre, die ihn verehren – doch sie hören einfach nicht zu.

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