Das Team der Satiresendung „Die Anstalt“ hat die ZDF-Entscheidung zur Ausladung des Rappers Danger Dan als mutlos kritisiert. „Wir, ‚Die Anstalt‘, distanzieren uns von dieser Entscheidung des ZDF“, schrieb das Team um die Moderatoren Claus von Wagner, Max Uthoff und Maike Kühl auf Instagram.
Hintergrund des Verbots
Danger Dan – bürgerlich Daniel Pongratz – sollte mit Starpianist Igor Levit sein neues Lied „Keine Angst“ bei der 100. Ausgabe von „Die Anstalt“ präsentieren. Die Jubiläumssendung beschäftigt sich mit Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie. Kurz vor der Aufzeichnung entschied das ZDF, den Auftritt zu streichen. Der Sender begründete dies damit, dass der Liedtext als Aufruf zu Gewalt verstanden werden könne.
„Wir hätten es als öffentlich-rechtliche Pflicht gesehen, das Lied zu präsentieren und danach zu diskutieren“, schrieben die Sendungsmacher auf Instagram weiter – gerade in Zeiten, in denen rechtsextreme Gewalt wieder stark zunehme. „Wie es aussieht, wenn Sender und Sendung nicht einer Meinung sind, seht ihr in der nächsten Folge der Anstalt am Dienstag, 21. Juli, um 22.25 Uhr im ZDF.“
Inhalt des Songs „Keine Angst“
Der gut siebenminütige Song stellt fest, dass aus Sicht des Künstlers politisch-gesellschaftliche Entwicklungen bevorstünden, die negative Auswirkungen brächten. Darauf könne man reagieren, indem man etwas tue – schon heute. „Die andere Möglichkeit bedeutete schon heute, Stress mit der Polizei und den ganz besonders deutschen. Dafür ’ne kleine Chance, das Blatt nochmal zu wenden, oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können. Du weißt nicht, was du tun kannst, du weißt nicht, wie das geht. Hör mir zu, ich hab‘ vielleicht eine passende Idee.“
Die folgenden Strophen können als Anleitung verstanden werden, sich mit Menschen zusammenzutun, um Rechtsradikalen – oder „Faschos“, wie Danger Dan singt – entgegenzutreten: Gruppe gründen, Räume mieten, Geld sammeln, Sprühdosen, Sticker oder Marker kaufen, um zu zeigen, dass die eigene Stadt Rechtsextremisten nicht wolle. Er weist darauf hin, bei solchen Aktionen Handschuhe zu tragen, keine Fotos oder Videos zu erstellen und die Kommunikation verdeckt zu führen: „Das bedeutet: keine DMs, keine Messenger und Mails, alles was verboten sein könnte immer Face to Face. Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil’n, und wenn sie euch erwischen: Redet nicht mit ihn‘.“
Danger Dan singt, dass Informationen zu rechten Strukturen gesammelt werden sollten – wo wohnen sie, wo arbeiten sie, was schreiben sie in sozialen Medien? Diese sollten dem Umfeld zur Verfügung gestellt werden, da Überzeugung von Rechtsextremen aus seiner Sicht nicht möglich ist: „Faschos leben abgeschottet, sie leben im Wahn. Mit Argumenten kommt man meistens nicht mehr an sie ran.“ Den Kampf gegen Rechtsextremisten solle jedoch nicht nur die Zivilgesellschaft führen: „Vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach. Mit etwas Glück kriegen sie Post oder gehen in den Knast.“ Vertrauen in die Polizei hat er weniger: „Doch hier wärt blöd wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst. Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil: Es gibt so viele Faschos bei der Polizei.“
Als Beleg verweist er auf Uniter, eine ehemalige Gruppe deutscher Soldaten und Polizisten, die nach ihrer Auflösung im Untergrund aktiv war. Deren Ziel war eine Vernetzung rechtsextremer Kräfte mit Elitekräften wie dem KSK, Personenschützern und Polizisten – das sogenannte „Hannibal“-Netzwerk. Der harte Kern soll nur wenige Menschen umfasst haben, aber es soll bis zu 2000 Sympathisanten gegeben haben.
Danger Dan singt, dass Nazis Politik „immer mit Angst“ machen würden – „mit Hass, mit Terror mit roher Militanz“. Und sie würden kein Hehl daraus machen: „Man kann ihnen vieles vorwerfen. Aber jedoch nicht, dass man das, was sie mit uns vorhaben, nicht wüsst‘.“ Mit Verweis auf die deutsche Geschichte schließt er den Kreis: „Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt, es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt. Keine Angst, nehmt es selber in die Hand. Die seh‘n gefährlich aus, aber wir legen sie lang.“
Danger Dan: Verabscheue Gewalt
In Reaktion auf die Ausladung durch das ZDF meldete sich Danger Dan beim „Spiegel“ zu Wort. Er sagte, er rufe in dem Song niemanden auf, in den kriminellen Untergrund zu gehen. Es gehe darum, wie wirksame Antifaschismus-Strukturen aufgebaut werden können. „Dafür muss man nicht in den Untergrund, das geht auch aus der Mitte der Gesellschaft.“ Er verabscheue Gewalt, betonte er: „Aber das Problem ist: Sie ist schon längst politische Realität.“ In den vergangenen Jahren hätten sich viele neue Neonazi-Gruppen gebildet. „Der Staat versagt, und an der Zivilgesellschaft bleibt es hängen.“
Die „Anstalt“ habe sich bis zuletzt sehr ins Zeug gelegt, seinen Auftritt mit Levit möglich zu machen, sogar das ganze Programm sei umgeschrieben worden. Als er, Levit und sechs weitere Musiker für die Aufzeichnung bereits in München gewesen seien, habe die Intendanz des ZDF ihr Veto eingelegt. Ihm mache das Angst und es sei eine Bestätigung dafür, dass ein Lied wie „Keine Angst“ genau im richtigen Moment komme.
ZDF: Widerspruch zu Programmrichtlinien
Das ZDF erklärte, bei der Vorbereitung der Sendung habe man sich redaktionell intensiv damit beschäftigt, auch die Geschäftsleitung des Senders sei beteiligt gewesen. Man sei zu der Bewertung gekommen, dass der Widerspruch zu den ZDF-Programmrichtlinien im Anschluss an die mehr als siebenminütige Live-Performance nicht mehr aufzulösen gewesen wäre. Welche Textpassagen gegen diese Richtlinien verstießen, teilte der Sender nicht mit. Daniel Pongratz munkelt im „Spiegel“, er habe gehört, der ZDF-Intendant sei bekannt dafür, in Sendungen und Inhalte einzugreifen. Vor diesem Hintergrund sei entschieden worden, „sich zeitnah dokumentarisch-journalistisch mit dem Lied von Danger Dan zu befassen und an einer anderen Stelle im Programm aufzuarbeiten“. Das Veto gegen den Auftritt sei ganz kurz vor der Aufzeichnung gekommen.
Für den Song „Keine Angst“ hätte die Werbung kaum größer sein können. Auf YouTube wurde das Video binnen elf Stunden gut 100.000 Mal aufgerufen. In den Trendcharts Musik steht es auf Platz eins. Viele Nutzer kommentieren, sie hätten ohne das Vorgehen des ZDF wohl keine Notiz vom Lied genommen.



