Ein überwältigendes Kinoerlebnis mit kleinen Schwächen
Nach monatelangem Hype ist Christopher Nolans "Die Odyssee" endlich in den Kinos gestartet. Das Epos beeindruckt mit atemberaubenden Bildern und einer überwältigenden Klangwelt, verliert auf seiner langen Reise aber auch etwas den Fokus. Der Film, der auf Homers berühmtem Epos basiert, wurde bereits vor seinem Erscheinen kontrovers diskutiert, insbesondere wegen der Besetzung und moderner Sprache. Nach fast drei Stunden Laufzeit zeigt sich jedoch: Vieles davon ist Nebensache, denn Nolan liefert ein monumentales Kinoerlebnis.
Handlung: Odysseus' Irrfahrten und die Heimatfront
In Ithaka herrscht Ausnahmezustand. König Odysseus (Matt Damon) ist nach dem Trojanischen Krieg nie zurückgekehrt, 20 Jahre sind vergangen. Während seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) die Hoffnung nicht aufgeben, belagern Freier den Palast. Vor allem Antinoos (Robert Pattinson) drängt Penelope, Odysseus für tot zu erklären. Telemachos macht sich auf die Suche nach seinem Vater und reist zu König Menelaos (Jon Bernthal) und Helena (Lupita Nyong'o). Parallel werden in Rückblenden Odysseus' Abenteuer gezeigt: Begegnungen mit Zyklopen, Sirenen, der Zauberin Kirke (Samantha Morton) und der Nymphe Kalypso (Charlize Theron).
Nolans Markenzeichen: Zeitsprünge und Zugänglichkeit
Nolan spielt wie gewohnt mit Zeitebenen, aber diesmal dienen die Rückblenden nicht dazu, das Publikum herauszufordern. Stattdessen erzählt "Die Odyssee" überraschend geradlinig. Die Zeitsprünge sind leicht nachvollziehbar und machen Odysseus' innere und äußere Reise verständlich. Das Ergebnis ist einer der zugänglichsten und emotionalsten Filme, die Nolan je gedreht hat.
Audiovisuelle Meisterleistung: IMAX-Kameras und historische Klänge
Audiovisuell setzt der Film neue Maßstäbe. Nolan drehte mit eigens entwickelten 70-Millimeter-IMAX-Kameras, die meisten Spezialeffekte entstanden "in camera". Die Schlacht um Troja gehört zu den eindrucksvollsten Sequenzen. Ludwig Göranssons Soundtrack, für den er historische Instrumente erforschte, und das herausragende Sounddesign tragen den Film. In der Sirenen-Szene verweigert Nolan dem Publikum den Gesang – stattdessen dominieren die angespannten Männer und das Chaos an Deck. Selten hat sich eine mythologische Welt akustisch so lebendig angefühlt.
Schauspielleistungen: Matt Damon und John Leguizamo überzeugen
Matt Damon verleiht Odysseus die Mischung aus Held, Stratege und gebrochenem Mann. Anne Hathaway spielt Penelope zurückhaltend. Überraschend bleibt John Leguizamo als Schweinehirte Eumaios am stärksten in Erinnerung – er sorgt für die menschlichsten Momente. Tom Holland als Telemachos macht seine Sache gut, doch es fällt schwer, in ihm nicht Peter Parker zu sehen.
Kritik: Zu viele Stationen, zu wenig Fokus auf Hybris
Der Titel ist Programm: Die Reise fühlt sich stellenweise wie eine Odyssee an. Fast drei Stunden reiht Nolan Station an Station: Zyklop, Sirenen, Kirke, göttliche Prüfungen. Jede Episode funktioniert für sich, aber zusammengenommen verlieren sie an Wucht. Dem Film hätte es gutgetan, einige Begegnungen zu straffen und stärker den Kern der Geschichte herauszuarbeiten: Odysseus' Hybris. Erst ganz am Ende, in einer Rückblende auf das brennende Troja, gesteht Odysseus seine Reue. Dieser Moment ist einer der stärksten, kommt aber zu spät.
Kontroversen: Besetzung und Sprache
Die Aufregung um den Trailer wirkt nach dem Film größtenteils überzogen. Die Besetzung von Helena (Lupita Nyong'o) und anderen Figuren löste rassistische Kommentare aus. Elon Musk kommentierte entsprechende Behauptungen auf X mit "Wahr". Nolan erklärte gegenüber dem Magazin "Elle": "Die Stärke und die Gelassenheit waren für die Figur der Helena so wichtig. Und bei Lupita sieht das ganz mühelos aus." Auch die Besetzung von Elliot Page als Sinon sorgte für Kritik. Verständlicher ist die Kritik an der modernen Sprache: Wenn Telemachos seine Eltern "Mom" und "Dad" nennt, durchbricht das die Illusion. Nolan verzichtet bewusst auf altertümelnde Dialoge – eine künstlerische Entscheidung.
Fazit: Monumentalkino mit kleinen Mängeln
Christopher Nolan ist mit "Die Odyssee" ein Monumentalkino gelungen, wie es heute selten entsteht. Atemberaubende Bilder, ein überwältigendes Sounddesign und eine überraschend emotionale Geschichte machen den Film zu einem Erlebnis, das auf der größtmöglichen Leinwand gesehen werden sollte. Gleichzeitig hätten etwas weniger Mythologie und etwas mehr Mensch dem Epos besser gestanden. Es ist vielleicht nicht Nolans bester Film, aber sicher einer seiner schönsten. "Die Odyssee" läuft ab sofort im Kino.



