35 Jahre Wacken: Die Gründer ziehen Bilanz
Aus einer kleinen Party mit 800 Fans auf dem Acker wurde das berühmteste Metal-Festival der Welt. In diesem Jahr steigt die Headbanger-Party zum 35. Mal. Wieder ist das Festival ausverkauft – rund 80.000 Fans werden erwartet, wenn Bands wie Def Leppard, Judas Priest und Sabaton auftreten. Im großen BILD-Interview sprechen die Wacken-Gründer Thomas Jensen (60) und Holger Hübner (60) über Demut, ihre Freundschaft und die Bands, die ihnen auf ihrer Liste noch fehlen.
„Authentisch, ehrlich und laut“: Das Erfolgsrezept der Metal-Könige
„Unser Motto war immer: authentisch, ehrlich und laut“, sagt Holger Hübner. „Irgendwann haben wir gemerkt, wie viele Menschen wir mit dem Festival glücklich machen: die Fans vor der Bühne, die Bands auf der Bühne und unsere Crew dahinter. Wenn man das 35 Jahre lang hinbekommt, macht einen das schon demütig.“ Thomas Jensen ergänzt: „In den ersten zehn Jahren hätten wir nie gedacht, dass wir aus unserer Liebe zur Musik einmal einen Beruf machen können. Wir sind den Fans wahnsinnig dankbar.“ Das Gemeinschaftsgefühl sei das größte Erfolgsgeheimnis von Wacken. „Wenn du über den Acker läufst und alte Weggefährten triffst, die uns teilweise seit Jahrzehnten begleiten, fühlt sich das wie Nachhausekommen an. Es ist wirklich wie eine Familie“, so Jensen.
Von der kleinen Zeltbühne zum Metal-Mekka
Das erste Festival 1990 fand auf einer kleinen Zeltbühne mit sechs Bands statt, der Eintritt kostete 12 DM. „Hatten Sie schon damals den Plan, daraus etwas Großes zu machen?“ fragt BILD. „Überhaupt nicht. Erst einmal machen – und dann von Jahr zu Jahr überleben“, antwortet Jensen. „Die Fans haben uns schon während des ersten Festivals gefragt: „Wann findet es nächstes Jahr statt? Ich muss Urlaub einreichen!“ Die Fans haben uns im Grunde den Auftrag gegeben, weiterzumachen.“ Hübner fügt hinzu: „Schon früh hieß es: Wacken ist das Metal-Mekka. Die Fans feiern dort nicht nur die Bands, sondern auch sich selbst. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“
Heavy Metal in den 90ern: „Denkbar ungünstig für ein Festival“
Anfang der 90er Jahre war Heavy Metal alles andere als angesagt. „Selbst große Namen wie Motörhead haben keine 1000 Leute mehr in die Hallen gezogen. Metal fand medial praktisch nicht statt“, erinnert sich Jensen. „Damals waren Nirvana, Grunge, Pearl Jam und Soundgarden riesig. Metal galt für viele als tot. Es war denkbar ungünstig, ausgerechnet in dieser Zeit ein Metal-Festival aufzubauen“, sagt Hübner. Trotz der Widrigkeiten glaubten die Gründer an die Musik und gaben den Bands eine Bühne für besondere Momente. Ob Wacken geholfen hat, Heavy Metal wieder groß zu machen? „Wir wären vermessen, wenn wir behaupten würden, das allein geschafft zu haben. Aber vielleicht haben wir einen Teil dazu beigetragen“, so Jensen. „Rock ’n’ Roll funktioniert nur gemeinsam: Fans, Bands und Veranstalter.“
Arbeitsteilung und Freundschaft: Das Fundament des Erfolgs
„Ich hatte ein bisschen Gastronomie-Erfahrung, war ein bisschen der Musiker – und war außerdem der Buchhalter, weil es sonst keiner machen wollte. Holger war der Organisator. Er kümmerte sich um die Logistik“, beschreibt Jensen die anfängliche Arbeitsteilung. Hübner ergänzt: „Und ich war als DJ Hübi unterwegs.“ Die Freundschaft der beiden hält seit rund 50 Jahren. „Doppelspitzen gehen häufig schief. Warum funktioniert Ihre seit 35 Jahren?“ „Weil wir unterschiedliche Perspektiven haben. Es wäre für das Festival gar nicht gut gewesen, wenn wir immer einer Meinung wären. Uns eint der Wille, diese Party stattfinden zu lassen“, sagt Jensen. Hübner betont: „Wichtig ist auch, dass wir beide ein eigenes Privatleben und intakte Familien haben. Wir müssen nicht 24 Stunden am Tag aufeinanderhocken.“
Legendäre Auftritte und unerfüllte Wünsche
„Was war der beste Auftritt, den Sie jemals in Wacken gesehen haben?“ Jensen hebt Motörhead hervor: „Wenn Lemmy auf die Bühne kam und sagte: „We are Motörhead and we play Rock ’n’ Roll“, war das für mich immer ein besonderer Moment. Diese Haltung von Motörhead – „Born to lose, live to win“ – passt perfekt zu Wacken.“ Hübner schwärmt von außergewöhnlichen Produktionen: „Savatage gemeinsam mit dem Trans-Siberian Orchestra auf zwei Bühnen oder die lange Guns-N’-Roses-Show im Vorjahr. Wir wollen den Fans Dinge bieten, die sie vielleicht nur einmal im Leben sehen können.“ Auf die Frage nach Metallica antwortet Jensen geheimnisvoll: „Es gibt noch mehr Bands mit M.“ Viele Fans hoffen auch auf Manowar, doch Jensen erklärt: „Wacken hängt nicht an einzelnen Bands. Trotzdem können wir nicht leugnen, dass wir noch einige Bands mit M gern bei uns hätten.“
Wetter oder Musik: Was macht ein gelungenes Wacken aus?
„Das Wetter ist ein riesiger Faktor. Aber Wacken ist nicht so eindimensional. Nach einem extrem nassen Jahr sagen wahrscheinlich alle: Das Wetter entscheidet. Ist es sonnig, spricht plötzlich niemand mehr darüber – dann zählen wieder die Auftritte“, erklärt Jensen. Hübner fasst zusammen: „Entscheidend ist das Gesamterlebnis. Die Fans sollen nach Hause fahren und sagen: Das war wieder mein Wacken.“ Auf die Frage nach einem unvergesslichen Rat antwortet Hübner: „,Never Surrender‘ von Saxon. Niemals aufgeben! Denn wir haben noch lange nicht genug.“



