Nachruf auf Brigitte Martin: Die wilde Künstlerin und ihr Leben an der Seite Robert Havemanns
Nachruf auf Brigitte Martin: Ein wildes Leben in der DDR

Das Mädchen freute sich täglich auf den Abend, wenn die Flakscheinwerfer von Königs Wusterhausen ihre großen Schneisen in den Himmel schlugen. Was für abenteuerliche Lichtspiele, welche Überhelle mitten in der Nacht. Schon möglich, dass sie mit diesen Lichtern verwandt war. Ein ganz gewöhnliches Mädchen war Brigitte jedenfalls nicht. Ihre Mutter sagte das auch. Und fügte hinzu, dass sie die Küche der Zeuthener Villa nicht mehr betreten durfte. Weil sie immer etwas umwarf oder kaputtmachte, weil kein Vorrat vor ihr sicher war, weil sie zum Abtrocknen ohnehin nicht zu gebrauchen war. Eigentlich zu gar nichts. Ihre Schwester war ein richtiges Mädchen, Brigitte war ein Kobold, vielleicht hatte sie das von ihrem Großvater.

Der Großvater und die Quarzlampe

Der Adlige, von seiner Familie geächtet und ins Irrenhaus gesteckt, weil er einen Ranghöheren zum Duell gefordert hatte, war während des russischen Bürgerkriegs allein zu Pferd mit Hund durchs Land gezogen, um der jungen Sowjetmacht die Lampe der Zukunft zu verkaufen: die Quarzlampe. Nun führte er einen Lampenladen in der Zeuthener Villa, wenige Kilometer südlich von Berlin. Brigitte liebte diesen Großvater. Es ist nicht so, dass seine Enkelin die Schule nicht mochte, aber diese stellte für ihre Gegenliebe eine vollkommen unerfüllbare Bedingung: den ganzen Tag stillsitzen. Zuhören konnte sie allerdings auch nicht, zumindest nicht so lange. Nach acht Jahren war sie frei. Und nun geschah etwas Merkwürdiges. Brigitte Martin, das wilde Kind, wurde Stenotypistin. Vielleicht wollte sie sich selbst beweisen, dass sie ein ganz unauffälliges Leben führen konnte. Und welcher Beruf läge da näher für ein junges Mädchen, das eine Affäre mit der Normalität beginnen wollte? Den ganzen Tag stillsitzen, zuhören und aufschreiben, was andere sagen. Sie war so gut, dass sie bald an der Akademie der Wissenschaften arbeitete, und die Professoren mussten ihren Redefluss in der Erörterung vertrackter Sachverhalte nie unterbrechen, weil die Schreibkraft nicht mitkam. Die junge Frau nahm es als Hirntraining.

Professor Robert Havemann und die Pantomime

Ihr Körper forderte Wiedergutmachung für seine tägliche Ruhestellung. Nicht stillsitzen, war keine Aufgabe, Brigitte Martin entschied sich für Pantomime. Es war die große Zeit von Marcel Marceau, und dass Körper sprechen können, wusste sie ohnehin. Wolf Biermann und Brigitte Soubeyran hatten gerade das BAT, das „Arbeiter- und Bauerntheater“ in Prenzlauer Berg gegründet, dort stand sie bald auf der Bühne. Irgendwann saß im Publikum ein viel älterer, großer, distingierter Herr, Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an der Humboldt-Universität. Ursprünglich hatte er das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie in Dahlem geleitet, aber als der amerikanische Stadtkommandant von West-Berlin ihn 1948 als Leiter der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft entließ, war für den erklärten Gegner der Wasserstoffbombe das Ende auch in Dahlem schon absehbar. Dass eine Stadt zwei so grundverschiedene Hälften besaß, kam Robert Havemann durchaus entgegen.

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Der Professor und die fast 30 Jahre jüngere Frau wurden ein Paar. Wie viel Kraft, wie viel ungezügeltes Temperament und wie viel Klugheit doch in einer so jungen Frau steckte! Und falls die stenografierende Pantomime von Anfang 20 zuerst vor diesem, nun ja, schon ziemlich bejahrten Männerkörper einige Scheu gezeigt haben sollte, so wich sie bald. Später wird Brigitte Martin von einer Liebe sprechen, die auf ihrer Seite neun Jahre lang stetig gewachsen sei. Sie lebte fortan an der Seite des Inhabers einer richtigen Biografie, schließlich hatte Havemann schon bei den Nationalsozialisten in der Todeszelle gesessen. Zu seiner Biografie gehörte leider auch, dass er verheiratet war, nicht zum ersten Mal, und mehrere Kinder hatte. Diese Ehe sei nur noch Fassade, erklärte er der jungen Frau.

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Das Leben mit Havemann und die Kinder

Vielleicht hat sie es nicht gleich bemerkt, aber bei Robert Havemann kam das wilde Kind nach Hause, bei ihm war sie in Sicherheit. Sie mochte es, ihn abends in den größeren Runden zu erleben, und immer war er der Mittelpunkt, war ihr wie Vater und Geliebter zugleich. Und was war sie für ihn? Ein neuer Spiegel, in den er schaute; er mochte, was er da sah. Er brauchte die Spiegel. Mitte der 60er bestand Brigitte Martin kurz nacheinander zwei Prüfungen. Ihr erstes Kind, Ulrike, bekam sie um ein Haar noch im Klassenraum der Abendschule, kurz darauf bestand sie das Abitur. Havemann hielt inzwischen, 1963/64, die Vorlesungsreihe „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“, die ihn seine Professur kosten würde. Es war schon erstaunlich, wie viele Menschen sich für derlei Aspekte interessierten. Oder eher für die Unverträglichkeit des freien wissenschaftlichen Sinns mit den ideologischen Vorgaben des Marxismus-Leninismus.

Und nun ging alles sehr schnell. Havemann verlor 1965 die Professur, 1966 wurde er aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen. In den Augen seiner Lebensgefährtin machte ihn das nicht kleiner. Sie war es auch, die den einzig sicheren Ort kannte, an dem die Staatssicherheit gewiss nicht suchen würde, wenn sie in Havemanns Haus in Grünheide nach dessen fatalen Manuskripten fahndete, die er im Westen veröffentlichte. Und richtig, unter den schmutzigen Windeln der gerade geborenen Johanna lag unversehrt das Manuskript „Morgen“. Brigitte Martin zog ihre Kinder im Grunde allein auf. Und Robert Havemann bemerkte mit Enttäuschung, wie die zweifache Mutter am Abend seinen Erörterungen nicht mehr so hellwach folgen konnte wie am Anfang. Vielleicht auch deshalb, weil sie oft sehr früh aufstand, um noch ein wenig malen zu können, bevor der Tag ihr über Kindern, Beruf und Geliebtem keine Zeit mehr für sich lassen würde.

Die Kunst und die Bücher

Sicher ist, dass sie damals schon malte: Diese großartigen Brigitte-Martin-Tableaus, jedes ein kleines Welttheater, unendlich fein, fragil, tiefengestaffelt, in deren Mitte, im Vordergrund oft eine große, nackte Frau stand – das Alter Ego der Welt. Und doch ist sie eine Preisgegebene. Warum wird, was so groß gedacht war, das Leben, oft so klein? Diese Bilder wie lauter Anrufungen des Daseins werden später zwischen den Seiten ihres ersten Erzählungsbands stehen, gewissermaßen als zweite und doch vollkommen eigenständige Stimme. Brigitte Martins erstes Buch „Der rote Ballon“ erscheint 1977 im Verlag Der Morgen. Oder schickte den Schuldirektor die Staatssicherheit? Es sind Geschichten aus dem Alltag einer jungen Frau mit zwei Töchtern, die versucht, sich selbst wiederzufinden nach dem Ende einer großen Liebe. Diese Kurzsatzprosa ist bis aufs Letzte verdichtet, vollkommen unsentimental und dadurch umso suggestiver. Über das Ende der Welt heißt es: „Ich habe meine Kinder in neunjährigem Zusammenleben mit einem geliebten Mann geboren und im Wesentlichen allein versorgt. Die Liebe, die bei mir neun Jahre wuchs, nahm auf der anderen Seite neun Jahre ab, so dass mich die Trennung, die ich nicht erwartete, wirklich traf.“

Die Staatssicherheit und die Flucht aufs Land

Dass Frauen Kinder bekommen, mag für Robert Havemann eine Trivialität gewesen sein, für seine verlassenen Töchter war die Tatsache, dass andere Kinder Väter haben, ein Mysterium. Die Mutter in „Der rote Ballon“: „Was kann ich tun, wenn vier große Kinderaugen jeden Familienvater anglotzen wie einen seltenen Schmetterling?“ Und dann versuchte Ulrike, die Ältere, den Schmetterling zu fangen. Eines Tages war sie weg. Sie fand den Weg nach Grünheide, auf das Wochenendgrundstück des Vaters, wo er bald ganz wohnte, aus der kindlichen Erinnerung wieder. Der Wo-ist-mein-Kind-Schmerz ihrer Mutter schien ihr ein legitimer Ausgleich für den eigenen zu sein. Diese Abwesenheiten wiederholten sich, der Schuldirektor wurde beinahe zum regelmäßigen Nachmittagsgast, oder schickte ihn die Staatssicherheit? Der jüngeren Tochter, Johanna, fehlten bald täglich neu die Schnürsenkel ihrer Schuhe, wenn sie aus dem Kindergarten kam, bis sie als dickes Bündel irgendwann alle auf einmal wieder da waren – in Johannas Anorak-Tasche. Das war ich nicht, hat sie immer beteuert, ihrer Mutter fiel es schwer, das zu glauben. Nach der geheimnisvollen Schnürsenkel-Rückkehr vertraute sie ihrer Tochter nicht mehr. Man mag kaum glauben, dass sich die Staatssicherheit mit Schnürsenkel-Diebstahl befasste, doch sie hatte einen Namen für ihren Auftrag: Zersetzung feindlicher Familien. Aber Brigitte Martin und ihre Töchter wollten die DDR gar nicht zum Feind, sie wollten nur ein wenig Ruhe.

Das Leben in Arnimswalde

Und nebenbei das Abendstudium Energiewirtschaft. Ja, wenn es Kunst gewesen wäre! Aber sie hatte eine Familie zu ernähren. „Ich habe noch niemals alles geschafft, was eigentlich zu erledigen wäre.“ Und dabei schaffte sie viel mehr als andere. Neben Arbeit und Abendstudium schrieb sie auch Features für den DDR-Rundfunk, oft ging es um alleinerziehende Frauen. Sie malte, bewarb sich als Ingenieurin für Energiewirtschaft in der ganzen DDR und blieb dann doch in Berlin, bald entstand auch der zweite Erzählungsband „Nach Freude anstehen“. Da lebte sie schon in der Uckermark. Ein guter Freund besaß dort ein halbes Gutshaus, dessen andere Hälfte fehlte. Er wusste von einem vollkommen abgelegenen Vorwerk mit fünf fast verlassenen Häusern. Das Dorf Arnimswalde hatte noch genau fünf Einwohner. Brigitte Martin besah den ländlichen Verfall und beschloss: Hier wollen wir bleiben! Wenn ich irgendwo zur Ruhe kommen sollte, dann hier. Die Staatssicherheit würde sie hier gewiss nicht suchen. Leider führte nur ein einziges, dünnes Überlandstromkabel nach Arnimswalde, so dass die Glühbirne zu flackern begann, sobald man den Tauchsieder einsteckte. Und das Haus, in das sie einziehen wollte, besaß keine Türen und Fenster mehr. Aber die eigentliche Zugluft im Leben, wusste die Umsiedlerin, kommt nicht durch fehlende Fenster und Türen. Außerdem waren die drei Frauen schon längst zu Self-made-Handwerkerinnen geworden.

6000 Mark für Keramik und ein Wartburg

Statt ans Fenster lief Brigitte Martin nun schon am frühesten Morgen in den Wald. Wenn ihre Töchter aufstanden, wussten sie immer, wo ihre Mutter war: unter den Bäumen bei den Vögeln. Ein Arbeitsplatz für Ingenieurinnen der Energiewirtschaft war in der Uckermark nicht auffindbar, also begann sie mit Strenge die vollkommen chaotische Buchhaltung eines nahe gelegenen Betonwerks zu ordnen, das zu seinen besten Zeiten die Segmente der Berliner Mauer hergestellt hatte. Und natürlich sah die Frau, die ganze Kraftwerke berechnen konnte, sich außerstande, die Stromversorgung von Arnimswalde zu akzeptieren. Vor ihrer Vehemenz kapitulierten schließlich auch die örtlichen Energieverantwortlichen, allerdings legte man Abzweige des neuen Starkstromkabels zwar zu den vier übrigen Häusern, aber nicht zu dem von Brigitte Martin. Die Staatssicherheit hatte sie auch hier gefunden, diesmal war der Oberförster auf sie angesetzt. Die ältere Tochter war überhaupt nicht der Auffassung, dass eine 15-Jährige wie Schneewittchen hinter den sieben Bergen wohnen sollte, als ihre jüngere Schwester jedoch erklärte, Keramikerin werden zu wollen, töpferte sie mit. Bald töpferte die ganze Familie, und einmal gelang es, beim Markt in Warnemünde an einem Wochenende für 6000 Mark Keramik zu verkaufen. Davon bauten sie sich eine Garage. Einen Wartburg besaßen sie schon: In ihm hatte sich der Gegenwert eines Filmszenariums materialisiert.

Die Wende und die letzten Jahre

Wenn Brigitte Martin hinter ihrem Haus durch den Wald lief, kam sie bei ihrer Freundin, der Germanistin Irana Rusta wieder heraus. Irana Rusta wurde 1990 im ersten frei gewählten Magistrat von Ost-Berlin Stadträtin für Kultur und machte Brigitte Martin zu ihrer persönlichen Mitarbeiterin. „Sie war meine Mehrzweckwaffe“, sagt sie. Denn wer in der DDR ein Starkstromkabel in ein längst abgeschriebenes Vorwerk legen lassen konnte, war auch in der Lage, dem Westteil der Stadt klarzumachen, dass die Ostberliner Kultur kein Abwicklungskandidat war. Doch viel lieber als mit der großstädtischen Regierungsbürokratie sprach Brigitte Martin mit den Hügeln, Bäumen, Vögeln und den alten Leuten der Uckermark. „Blütenblätter im Kaffee“ hieß der Band mit uckermärkischen Sagen, und, genau genommen, hatte ihre Art zu malen, auf diese ländlich-ursprungstiefen Motive nur gewartet. Sie gründete mit Freunden den Uckermärkischen Mythengarten, erfand die uckermärkische Linie in der Keramik, eine hügelige Linie natürlich, und es tat weh, als sie irgendwann einsah, dass sie nun zu alt war für die Arnimswalder Einsiedelei mit Weltanschluss.

Nach einem kurzen Dauerwohnversuch auf den Kanaren lebte sie ganz in der Nähe ihrer Maler- und Bildhauer-Tochter Johanna in Oderberg. Von ihrem Fenster aus sah sie die alte Oder und die vorbeifahrenden Boote. Sie freundete sich mit einem Schwan an, der hatte einen gebrochenen Flügel. Sie nannte ihn Paul, wahrscheinlich war es Seelenverwandtschaft: Haben wir nicht alle einen gebrochenen Flügel? Bei den Oderbergern hieß der behinderte Vogel bald nur noch „Frau Martins Schwan“. Wenn sie nicht hinunter zu ihm ans Ufer der Alten Oder kam, lief er zu ihr hinauf. Am selben Vormittag, als Brigitte Martin im Schwedter Krankenhaus starb, barg die Feuerwehr Pauls leblosen Körper am Ufer vor ihrem Oderberger Haus.