Nachruf auf Heidi-Marie Hess: Eine Architektin, die Räume verwandelte
Nachruf auf Heidi-Marie Hess: Architektin mit Visionen

Der Schulaufsatz zum Thema „Beschreibe dein Zimmer“ war ihr besonders gut gelungen. Anschaulich beschrieb Heidi-Marie ein schönes Zimmer. Es hatte wenig mit dem Zimmer zu tun, in dem sie wohnte; das war nicht so schön. Aber man kann den Aufsatz als ein frühes Zeichen für ihren sehr viel später eingeschlagenen Lebensweg deuten. Da ging es darum, Räume und Bauten zu verschönern, Ideen für eine bessere Umgebung zu entwerfen. Wie es ist, muss es nicht bleiben.

Ein Leben im Aufbruch

Wie es war, durfte es nicht bleiben: Die sogenannten kleinen Verhältnisse, ein Nest in Oberschwaben, der Vater meistens auf Montage. Sein Fortsein bekam den Kindern besser als sein Dasein. Der Sprung von der Hauptschule aufs Gymnasium war ein großer, doch dann war ihr die Schule weniger wichtig als das Fortkommen aus dem Elternhaus. Statt Abitur also eine Lehre bei der Post in der nächst großen Stadt, wo sie Geld verdienen und sich eine eigene Bleibe leisten konnte. Bald zog sie weiter nach West-Berlin, so weit weg wie möglich. Der Umzug geschah allerdings erst, nachdem sie dort einen Job gefunden hatte, auch im Staatsdienst, weshalb der Staat ihr freundlich beim Umzug half. Eine Draufgängerin war sie nicht. Für die Polizei tippte sie jetzt Schriftstücke und Formulare voll; da ging es um Sorgfalt und Akkuratesse. Eigenschaften, die sie zweifelsohne aufwies, aber etwas mehr durfte es dann doch sein. So holte sie das Abitur nach und jobbte nebenher als Sekretärin in Architekturbüros. Und kam auf die Idee fürs Studium.

Der Weg zur Architektur

Harter Bleistift auf dünnem Transparentpapier: Auch in der Studentenzeit verdiente sie ihr Geld in einem Architekturbüro, einem großen, nicht ganz unbekannten. Da herrschte ein strenges Regime, lange Arbeitszeiten, Ruhe am Arbeitsplatz, und die Zeichnungen wurden nicht mit Tusche, sondern mit hartem Bleistift auf dünnem Transparentpapier angefertigt. Das erforderte Übung und zunächst eine sorgfältige Einweisung in die spezielle Arbeitstechnik.

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Franz, ein junger Architekt, war ihr behilflich. Und fand Gefallen an der zurückhaltenden aber höchst aufmerksamen Werkstudentin. An einen Plausch im Büro war nicht zu denken, nicht während der Arbeitszeit. Also verabredeten sie sich für den Abend vor dem 1. Mai, Walpurgisnacht, da war das Wetter schön, man konnte draußen Eis essen, und einander tiefer in die Augen schauen. Heidis waren blau.

Gemeinsam in Berlin

Wie sie hatte auch Franz keine große Wohnung. Immerhin besaß er ein Bad mit Badewanne. Außerdem war es bei ihm schön still. In Kreuzberg, SO 36, ganz nah bei der Mauer wohnte er. Heidi besuchte ihn dort gern; sie nannte das die „Landwohnung“. Als die beiden aber, nach nicht allzu langem In-die-Augen-schauen, beschlossen, zusammenzuziehen, sollte es doch etwas Größeres sein. Eine Metallfederfabrik am Landwehrkanal verkleinerte sich, eine 220-m²-Etage wurde frei. Man brauchte eine Menge Fantasie, um zu sehen, was man daraus machen konnte. Während Franz, der Architekt, noch in sich danach forschte, sagte Heidi, die Architekturstudentin, schon: Das machen wir!

Wände wurden eingebaut, ein Bad, ein neuer Fußboden, eine Mitbewohnerin zog ein, und das WG-Leben, nicht ganz untypisch fürs West-Berlin der 80er, nahm seinen Lauf. Franz arbeitete in Büros, Heidi studierte, gab Tutorien, wurde Assistentin am Fachbereich.

Reisen und Inspiration

Die Freizeit spielte keine allzu große Rolle, eine umso größere dafür die Ferien. Für ihre Reisen sparten sie das Geld, und irgendwie hatten dann auch die Reisen mit der Arbeit zu tun. Denn überall gab es Architektur. Wie bauen die anderen? Wie gehen sie mit ihren Materialien um? Alle zwei Jahre konnten Heidi und Franz sich größere Reisen leisten. In Malaysia, Indonesien, Thailand mochten die Hotels und das Essen billig sein, aber die Flugtickets waren in den 80ern noch teuer. Heidi belegte Kurse in Indonesisch und Thai, und als sie erfuhr, dass auch in der japanischen Botschaft Sprachkurse angeboten wurden, kam Japanisch noch dazu. Kinder hat sie sich nie gewünscht; die Welt da draußen war aufregend genug.

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Das eigene Büro

Als Franz sein eigenes Architekturbüro gründete, machte sie dort bald mit. Die theoretische Arbeit an der Uni lag ihr, aber hier gab es die Möglichkeit, die Theorien umzusetzen, Überlegungen Materie werden zu lassen, nicht nur als Holzmodell, sondern auf dem Bauland, richtig groß.

Dass manche Ideen es weiterhin nur bis zum Modell brachten, verstand sich von selbst. So ist das, wenn sich Architekten bei Wettbewerben beteiligen. Ein städtebaulicher Entwurf für das Gelände zwischen Südkreuz und Papestraße zum Beispiel erhielt einen Preis, aber bei der „Kühnheit“, die ihm bescheinigt wurde, war klar, dass er nie umgesetzt werden würde. Heidi hatte sich das ausgedacht, Franz bewunderte sie dafür. Er war bei solchen Sachen bodenständiger. Die Projekte waren vielfältig; eins der ersten war ein „hochwertiges Damenschuhgeschäft“. Als der Inhaberin das Geld für die Architekten ausging, bezahlte sie mit zehn teuren Schuhpaaren für Heidi. Bald aber gab es genug solvente Auftraggeber, „HessMaurer Architekten“ entwarf Villen, Klinikgebäude, Dachausbauten, Innenräume. Franz war der pragmatische, Heidi hatte die überraschenden Ideen und das Talent, Bedürfnisse der Bauherren zu erfüllen, von denen diese gar nichts ahnten. Für sich selbst kauften sie ein Townhouse an der Rummelsburger Bucht, unten arbeiten, oben wohnen, denn das eine war ohne das andere ja gar nicht denkbar. Selbst wenn Heidi sich im kleinen Garten um die Pflanzen kümmerte, dann stets, um ihre Erkenntnisse für Gartenbauprojekte anzuwenden. Franz sagte zu Anrufern: „Sie ist in den Rosen“ und wusste: Sie ist bei der Arbeit.

Ein selbstbestimmtes Leben

Sicher war dieses Arbeitsleben anstrengend, mehr als zwei-drei Wochen Urlaub im Jahr gönnten sie sich nicht. Mitarbeiter nahmen ihnen Arbeit ab, aber ohne Mitarbeiter lohnte sich das Geschäft weit mehr. Aber die beiden machten ja stets das, was sie tatsächlich wollten. Es war ein selbstbestimmtes Arbeits-Leben.

Dessen Arbeitsteil, so entschieden sie in der Coronazeit, ein Ende finden durfte. Sie war 68, er 69. Sie fanden eine neue Bleibe in der Gegend, wo Heidi aufgewachsen war; sie überlegten, ob sie noch ein wenig weiterarbeiten sollten, sahen, wie viel die Berufsversicherung kostete, und entschieden: Keine Arbeit, nur noch Leben. Die umliegende Natur war schön, Italien nah, es gab noch alte Freunde in der Gegend, und das Geld, das von der ganzen Arbeiterei geblieben war, würde noch lange reichen (Heidi hatte da immer ihre Zweifel).

Sie musste operiert werden. Die Operation lief gut, sie war wohlauf und würde demnächst aus dem Krankenhaus entlassen werden. Da riss ihre Aorta. Nie bleibt es, wie es war.