Die Waldsiedlung Zehlendorf, auch bekannt als Papageiensiedlung, ist offiziell in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen worden. Das Welterbekomitee der Unesco entschied im südkoreanischen Busan, die Siedlung als Erweiterung der bestehenden Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ anzuerkennen. Mit diesem Schritt würdigt die internationale Gemeinschaft ein visionäres Wohnkonzept aus den 1920er-Jahren, das weit über die Architektur hinausgeht.
Einzigartige Verbindung von Architektur und Natur
Die deutsche Unesco-Botschafterin Kerstin Pürschel betonte die Bedeutung der Entscheidung: „Mit ihrer einzigartigen Verbindung von Architektur, Waldlandschaft und urbaner Infrastruktur erweitert die Waldsiedlung Zehlendorf das bestehende Welterbe um eine ganz eigene Facette.“ Die Siedlung erstreckt sich über eine Fläche, die sie zur größten aller Berliner Moderne-Siedlungen macht. Etwa 1100 Mehrfamilienhäuser sowie Reihen- und Einfamilienhäuser wurden zwischen 1926 und 1932 nahe dem heutigen U-Bahnhof Onkel Toms Hütte errichtet. Die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg schufen ein Viertel, das seit 1995 unter Denkmalschutz steht.
Von Spott zur Anerkennung
Die bunten Fassaden der Siedlung – Ostseiten in Gelb und Grün, Westseiten in Braun und Bordeauxrot – brachten ihr den Spitznamen „Papageiensiedlung“ ein. In den ersten Jahren wurde das knallige Erscheinungsbild verspottet. Ein Bezirksbürgermeister nannte die Bauten angeblich „Zigarrenkistenkunst, die nach Südamerika gehört“. Heute gilt das Konzept als wegweisend. Unter dem Leitmotiv „Licht, Luft und Sonne“ stellte die Waldsiedlung die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen in den Mittelpunkt – eine damals revolutionäre Idee. Gleichzeitig sollte bezahlbarer Wohnraum für breite Schichten geschaffen werden.
Revolutionäre Infrastruktur und prominente Bewohner
Eine Besonderheit der Waldsiedlung ist die Ladenstraße im U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Das Konzept, ein Einkaufszentrum direkt an einen Bahnhof anzubinden, war weltweit einmalig und gilt als frühes Beispiel für funktionale Stadtplanung. In der Siedlung wohnten einst prominente Persönlichkeiten wie der Schauspieler Theo Lingen und der SPD-Politiker und Nazi-Gegner Julius Leber. Heute leben rund 4000 Menschen in der Waldsiedlung.
Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, hob die zeitlose Relevanz hervor: „Die Siedlungen der Berliner Moderne zeigen bis heute, worauf es bei gutem, bezahlbarem und gesundem Wohnen ankommt. Die Erweiterung um die Waldsiedlung Zehlendorf macht deutlich, wie visionär diese Wohnkonzepte vor hundert Jahren waren – und wie aktuell sie noch immer sind.“
Sorgen der Anwohner
Trotz der Auszeichnung gibt es auch Bedenken. Einige Anwohner fürchten steigende Mieten und eine Verschärfung der ohnehin hohen Denkmalschutzauflagen. Die Unesco-Anerkennung könnte den Druck auf den Wohnungsmarkt erhöhen und zu höheren Kosten für Sanierungen führen. Bislang liegen jedoch keine konkreten Maßnahmen vor, die dies bestätigen würden.
Das Unesco-Welterbekomitee tagt noch bis zum 29. Juli in Busan. Insgesamt wurden rund 30 Nominierungen für die Welterbeliste geprüft. Ein weiteres Thema war die Erhaltung bestehender Kultur- und Naturstätten, die durch Konflikte, Naturkatastrophen und den Klimawandel bedroht sind. Rund 60 Welterbestätten gelten derzeit als gefährdet. Deutschland hat nun 55 Welterbestätten – die Waldsiedlung Zehlendorf ist die jüngste Ergänzung.



