„Odyssee“-Kritik: Nolans Epos und die Frage nach der Zivilisation
„Odyssee“: Nolans Epos und die Frage nach der Zivilisation

Vor einigen Wochen hat sich Felix Oldenburg auf den Hügel von Troja gestellt – und auf seinem Handy Videos von Sängern gefunden, die die Epen Homers zur Kithara in der Originalsprache vortrugen. Seit zwei Wochen gibt es eine deutlich zugänglichere Fassung dieser alten Geschichten: Christopher Nolans Film „Odyssee“, der bereits rund 600 Millionen US-Dollar eingespielt hat und damit ein größeres Publikum erreicht als jede Homer-Adaption zuvor.

Nachdem der Kolumnist den Film gesehen hat, versteht er den Erfolg. Nolan hole hervor, was Menschen seit drei Jahrtausenden immer wieder beschäftige. Geblieben sei ihm aber ein Satz, der bei Homer selbst gar nicht vorkomme.

Von Troja bis Ithaka: Was der Mythos erzählt

Zur Einordnung: Die „Odyssee“ erinnert an eine echte Menschheitskatastrophe. Um 1200 vor Christus gingen mehrere Hochkulturen des östlichen Mittelmeers unter – überfallen von rätselhaften „Seevölkern“, deren Herkunft bis heute in der Forschung umstritten ist. Nolan lasse in seinem Film nichts aus: Sein Odysseus entkommt dem Zyklopen, widersteht den Sirenen und findet das Nadelöhr zwischen Skylla und Charybdis. Über allem aber stehe für ihn der Schutz des Zeus – eine Art goldene Regel: Behandle den Fremden an deiner Tür so, wie du selbst behandelt werden willst.

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Genau darin liege der eigentliche Mittelpunkt des Films, schreibt Oldenburg. Es gehe um die Frage: Was heißt es eigentlich, zivilisiert zu sein? Auf diese Frage glaube jede Epoche eine Antwort zu kennen. Zivilisiert sei, wer sich Hochkultur leisten könne. So hätten die Athener über sich gedacht, als sie sich aus dem Trojanischen Krieg eine glänzende Heldenvergangenheit zimmerten. Doch Penelope entlarve sie mit einem einzigen Satz. Nach Odysseus’ Rückkehr nach Ithaka blicke sie auf die von Maßlosigkeit und Eifersucht zerfressenen Griechenfürsten und frage: „Are WE the sea people?“ – Sind wir die Seevölker?

Zivilisation als Gastfreundschaft

Die Frage kehre die Perspektive um. Wie wollen wir selbst als Fremde behandelt werden? Troja sei für Homer nicht untergegangen, weil Barbaren es zerstört hätten. Sondern es seien die glorifizierten Griechen selbst gewesen, denen der Dichter eine triumphale Geschichte andichtete. Das Statussymbol wahrer Zivilisation sei nicht Überlegenheit, sondern Gastfreundschaft – das Teilen mit dem Fremden. Wer den Ankommenden bewirte, zeige Rang. Wer ihn abweise, gehöre zu den Räubern, ganz gleich, welche goldenen Kränze er dabei trage.

Diese 3000 Jahre alte Geschichte lege sich über unsere Gegenwart, so Oldenburg. Die Fremden, denen wir mit der Erderwärmung die Lebensgrundlage entziehen, weil wir nicht teilen, lebten heute schon. Und es seien auch die queeren Menschen, die sich bei einer Parade in ihrer eigenen Stadt nicht mehr sicher fühlten. Die goldene Regel drehe die Blickrichtung um: Sie frage uns, wie wir selbst behandelt werden wollten, wenn wir anstelle Fremder vor der Tür stünden. Wer das Fremde abweise oder bedrohe, halte sich für den Bewahrer der Ordnung – doch bei Homer verhielten sich genau so die Seevölker, und genau so zerstören sie die Zivilisation.

Klima, Brände und die Mauern des Vermögens

Oldenburg erinnert an eine frühere Kolumne vom 23. Juni, in der er gefragt habe, wie hoch die Mauern der Vermögen sein müssen, wenn es an immer mehr Stellen brennt. Einen Monat später ziehen Rauchwolken über Europa und die USA. Nach jeder Zivilisationskatastrophe habe sich die Menschheit wieder gefangen und das Beste einer idealisierten Vergangenheit zitiert. Zu Homers Zeiten sei Griechenland noch dicht bewaldet gewesen. Mit den Göttern seiner Zeit ließ sich verhandeln – mit der heutigen Erderwärmung nicht.

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Vielleicht erlebe er gerade deshalb in diesem Sommer mehr Menschen als je zuvor, die mit ihrem Geld das Richtige tun wollen, schreibt Oldenburg. Das liege sicher am unmittelbaren Erleben: an den Bränden und an dem Hass, der inzwischen auch bei uns zu Hause offen zu spüren sei. Wer die Krise nah an sich heranlässt, teilt. Genau dieses Teilen habe einen ökonomischen Kern: Unsere Wörter „Ökonomie“ und „Ökologie“ tragen dieselbe Wurzel – das griechische „oikos“, das Haus. In einer globalisierten Welt stünden die Fremden praktisch alle an unserer Tür. Wir bewohnten mit ihnen ein einziges Haus, eine Ökologie. Ob es für alle bewohnbar bleibe, entscheide sich an der Frage, die Penelope stelle: „Are we the sea people?“