Die Waldsiedlung Zehlendorf im Südwesten Berlins, bekannt als Papageiensiedlung, steht unmittelbar vor der Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste. An diesem Sonntag beginnt in Busan, Südkorea, die 48. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees, in der rund zehn Tage später die Entscheidung erwartet wird. „Jetzt heißt es Daumen drücken“, sagte Berlins SPD-Bausenator Christian Gaebler.
Geschichte und Architektur der Siedlung
Die Siedlung wurde zwischen 1926 und 1932 von der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Gehag im Bauhausstil errichtet und war damals eine der größten und bedeutendsten in Deutschland. Die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolph Salvisberg setzten ihre Vision einer revolutionären Wohnanlage um, die moderne, offene Architektur mit Grünflächen und sozialem Wohnungsbau verband. „Wald, Licht, Luft, Sonne“ – so beschreibt Ute Scheub, Bewohnerin und Autorin eines Buches über die Siedlung, das Konzept.
Die Siedlung umfasst 1100 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern und etwa 800 Reihenhäuser mit farbigen Fassaden in Gelb, Blau, Grün oder Bordeauxrot, dreifarbigen Fensterrahmen und bunten Eingangstüren. Der Name Papageiensiedlung leitet sich von dieser Buntheit ab. Ein besonderes Merkmal sind die Flachdächer, die in den sogenannten „Zehlendorfer Dächerkrieg“ mündeten, da konservative Kreise diese als „undeutsch“ ablehnten und traditionelle Spitzdächer bauten.
Bedeutung und Bewohner
Die Siedlung war ein Publikumsmagnet: „Am Wochenende pilgerten die Berliner in Scharen nach Zehlendorf, um die Siedlung zu begutachten“, erzählt Scheub. Ab 1931 erleichterte die U-Bahn zur Krummen Lanke den Zugang, der U-Bahnhof Onkel Toms Hütte erhielt eine Ladenstraße. Bewohner waren unter anderem Schauspieler Theo Lingen, Schriftsteller Johannes R. Becher und SPD-Politiker Julius Leber.
Herausforderungen und Bedenken
Nach der Privatisierung der Gehag um die Jahrtausendwende gingen viele Wohnungen an die Deutsche Wohnen (heute Vonovia). Barbara von Boroviczeny, die seit Jahrzehnten in der Siedlung lebt und sich in einer Mieterinitiative engagiert, beklagt: „Durch den Verkauf an private Investoren spielen unsere Anliegen kaum mehr eine Rolle in einer rein gewinnorientierten Wohnungsbewirtschaftung.“ Viele Bewohner befürchten, dass der Welterbe-Status die Mieten weiter steigen lässt. Ein Sprecher der Deutsche Wohnen betont jedoch: „Es besteht kein Zusammenhang zwischen Denkmalschutz oder gar Welterbe-Status und der Miethöhe.“
Auch Hauseigentümer sind gespalten. Die hohen Denkmalschutzauflagen, die bereits jetzt gelten, schränken Veränderungen ein – selbst das Anbringen eines Rollos kann den Denkmalschutz auf den Plan rufen. „Es gibt Unterstützung für die Nominierung, aber auch große Bedenken“, sagt Scheub.
Welterbe-Nominierung im Kontext
Die Papageiensiedlung ist eine Nachnominierung: Sechs andere Siedlungen der Berliner Moderne, darunter die Hufeisensiedlung, wurden bereits 2008 ins Unesco-Welterbe aufgenommen. Die Papageiensiedlung fiel damals wegen ihres schlechten Erhaltungszustands heraus. Nun soll sie die Reihe der Berliner Welterbestätten erweitern, zu denen auch die Museumsinsel und die Preußischen Schlösser und Gärten gehören.
Insgesamt stehen laut Unesco weltweit 1248 Kultur- und Naturstätten in 170 Staaten auf der Welterbeliste, darunter 55 in Deutschland. Neu nominiert für die Versammlung in Südkorea sind 30 Vorschläge, neben der Waldsiedlung Zehlendorf unter anderem das Teatro Amazonas in Manaus und die alliierten Landungsstrände der Normandie in Frankreich.



