Zum Christopher Street Day (CSD)-Wochenende in Berlin präsentieren zahlreiche Galerien und Museen queere Kunst. Die Ausstellungen thematisieren Identität, Sichtbarkeit und Geschichte – von der DDR bis zur Gegenwart. Hier sind acht Empfehlungen.
1. „Verzaubert – proud to be proud“ in der Galerie Semjon Contemporary
Der Begriff „Verzaubert“ wurde in den Wirtschaftswunderjahren als Codewort für männliche Homosexualität genutzt, bevor der Kampf um Anerkennung den negativ besetzten Begriff „schwul“ umkehrte. Galerist Semjon H. N. Semjon warnt mit dem Titel vor einem Trend der Rückwärtsgewandtheit, wendet ihn aber positiv auf eine durch Kunst transformierte Realität an. Gezeigt werden Werke von Florian Hetz, der die durch Dating-Apps entstandene neue Form sexueller Porträts und Selbstporträts aufgreift, sowie Arbeiten von Pancho Assoluto, Rick Castro, Andreas Fux, Norbert Heuler, Jan-Holger Mauss, Male Shibari, Thomas Synnamon, Stefan Thiel und Elmar Vestner.
2. „Queere Kunst in der DDR?“ im Mitte Museum
Die Ausstellung ist der letzte noch laufende Teil einer Kooperation mit KVOST, dem Werkbundarchiv und der NgbK. Sie zeigt Biografien und Werke queerer Künstler:innen wie Toni Ebel, Andreas Fux, Jochen Hass, Erika Stürmer-Alex, Dorothea von Philipsborn, Rita „Tommy“ Thomas, Egon Wrobel und Jürgen Wittdorf. Die Werke erzählen von Anpassung und Widerstand, Sichtbarkeit und Verbergen in der DDR. Als Jürgen Wittdorf die schwule Ästhetik seiner Grafiken bewusst wurde, entzog er sie der Öffentlichkeit. Ein begleitender Katalog (Distanz-Verlag, 38 Euro) vertieft die Biografien zwischen Underground und Propaganda.
3. Rinaldo Hopf – „A Watercolored Summer“ in der Galerie The Ballery
Der Künstler, Fotograf und Kurator Rinaldo Hopf zeigt in seiner Soloschau sowohl neue Werke als auch Aquarelle aus dem Archiv, die bis in die 1980er Jahre zurückdatieren und teils noch nie zu sehen waren. Die Arbeiten sind spontan, unmittelbar und farbenfroh, zeigen aber auch Spuren der Angst und der Freude am Leben.
4. Marc Brandenburg: „20th Century Debris“ in der Galerie Thaddaeus Ropac
Marc Brandenburg, eine Urfigur der queeren Clubszene West-Berlins, zählt international zu den wichtigsten Zeichner:innen der Gegenwart. In seinen detaillierten Bleistiftzeichnungen transformiert er Fotografien durch Invertierung in abstrahierte Darstellungen. Seit 2012 gestaltet er Editionen temporärer Tattoos, etwa für das zehnte Jubiläum des Berghains. Am Freitag, 26. Juni, findet von 17 bis 22 Uhr die erste Ausgabe des Partyformats „Brandenboogie“ statt, bei dem Brandenburg auflegt und Besucher:innen sich mit seiner neuen Tattoo-Edition zu einer lebenden Leinwand verwandeln können.
5. Erwin Olaf: „Muses“ im Schwulen Museum
Der niederländische Fotograf Erwin Olaf (1959–2023) war ein Pionier queerer Sichtbarkeit. In den 1970er- und 80er-Jahren gab er denen ein Gesicht, deren Bild von der Öffentlichkeit ausgeschlossen war. In Zeiten von HIV-Stigmatisierung entwarf er ein neues queeres Selbstbild – selbstbewusst, sinnlich, melancholisch und politisch. Seine Selbstporträts reflektieren Alter, Sexualität, Krankheit und Vergänglichkeit; besonders eindrücklich sind die Arbeiten nach seiner Lungenerkrankung.
6. Umut Azad Akkel – „Holding My Drink in the Corner“ am Lützowplatz
Die Installation „The Path“ (2021/26) aus Bauzäunen, Treppenelementen und Absperrband erinnert an ewige Baustellen, ist aber von Straßenszenen in Istanbul und den Konstruktionen M.C. Eschers inspiriert. Die Desorientierung steht für Spannungen queerer Migrationserfahrungen. Die von Ozan Ünlükoç kuratierte Ausstellung spinnt das Labyrinth zwischen Inklusion, Ausgrenzung und Orientierungsversuchen weiter und thematisiert unsichtbare Regeln, die Räume prägen. „Die Ecke“ wird zum Zufluchtsort für diejenigen, die aufgrund unsichtbarer Ausschlussmechanismen dorthin verbannt werden.
7. „Time Machine Infinitum – Queeres migrantisches Berlin“ im Stadtmuseum Berlin
Noam Gorbat, Omar Nicolas und Sama Ahmadi widmen sich in mehreren Videos der Sichtbarkeit queerer BIPoC in Berlin. Sie schlagen einen Bogen von der queer-migrantischen Geschichte der 1920er Jahre über queeres jüdisches Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, politische Kämpfe des Vereins „ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland“ in den 1980er Jahren oder des „OYA-Kollektivs“ heute bis hin zu Visionen der jugendlichen Ballroom-Szene für ein queeres Berlin der Zukunft.
8. Susan Sontag – „Sehen und gesehen werden“ im Schwulen Museum
Susan Sontag war ein flamboyantes, freigeistiges Vorbild in lesbisch-feministischen WGs. Sie liebte und lebte mit Frauen, outete sich jedoch nie. Als sie Ende der 1980er Jahre die gesellschaftliche Ausgrenzung von Aids-kranken Menschen miterlebte, schrieb sie mit „AIDS and its Metaphors“ (1989) einen wichtigen Text zu Stigmatisierung, Eigenverantwortung, Aktivismus und Solidarität. Das Schwule Museum übernimmt die Ausstellung aus der Bundeskunsthalle Bonn und erweitert sie um eine Spurensuche von Susan Sontag in Berlin. Weitere Ausstellungen des Museums befassen sich mit queeren Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten („Lieber glücklich als normal!“) und queerem Leben auf dem Land („Cruising the Countryside“).



