Spannender als im Zentrum ist es oftmals an der Peripherie. Diese Erfahrung macht man dieses Jahr beim Besuch in Venedig. Jenseits der Giardini und des Arsenale präsentieren sich die alten Meister der zeitgenössischen Kunst mit einer Macht und Pracht, die man sich auch für die Berliner Museen wünscht.
Hans Hartung: Der Maler und die Musik
So zeigt die Fondazione Querini Stampali die Ausstellung „The Invisible Chord“. Der Maler Hans Hartung (1904–1989) wird hier in bald achtzig Werken als leidenschaftlicher Liebhaber der Musik gezeigt. Die Leinwände reflektieren Klang und Rhythmus der Kompositionen von Bach, Vivaldi oder auch Boulez. Ohne Musik hat Hartung kaum gearbeitet.
Georg Baselitz: Letzte Werke auf Goldgrund
Im April ist Georg Baselitz gestorben. Seine letzten Werke, ausgestellt auf der Insel San Giorgio Maggiore, sind allein schon eine Reise nach Venedig wert. Siebzehn gewaltige Selbstporträts und Porträts seiner Ehefrau Elke, über die Hälfte davon unglaubliche 4,50 mal 3 Meter groß, lassen sich zugleich als Liebeserklärung und Memento Mori charakterisieren. Diese „Eroi d’Oro“ stehen auf Goldgrund, eine Verbeugung vor der byzantinischen Tradition und der Frührenaissance. „Helden aus Gold“ – darin steckt souveräne Ironie angesichts dieser zerbrechlichen, ausgemergelten Körper, die aus Haut und Knochen nur noch bestehen und nie ihre Würde verlieren, bis zuletzt.
Glassstress: Glaskunst der Gegenwart
Seit bald zwanzig Jahren wartet „Glassstress“ in der Fondazione Berengo mit immer neuen Themen und Aspekten der zeitgenössischen Glaskunst auf, weit entfernt von der engen Tradition der Muraneser Werkstätten. Der Gründer Adriano Berengo arbeitet mit Ai Weiwei, Thomas Schütte und Erwin Wurm. „Glassstress“ stellt diesmal an zwei Orten aus: im Palazzo Ca’ Tron am Canal Grande und auch wieder auf Murano, in den ehemaligen Produktionsstätten der Glasbläser. Hier trifft man auf neue Arbeiten von Sean Scully, Tony Cragg, Jaume Plensa oder Laure Prouvost.
Eine Überraschung ist die Präsenz von Judy Chicago. Die 87-jährige amerikanische Künstlerin und Feminismus-Pionierin zeigt bei Berengo eine abstrakte Glass-Skulptur, die an prähistorische Fruchtbarkeitssymbole erinnert. Ihre „Goddess“ ist 250 Kilo schwer und ungemein elegant.
Impresario Adriano Berengo versteht es, für den Werkstoff Glas zu begeistern. Dabei erweist sich die Kombination von Festigkeit und Fragilität als besonders anziehend für Künstlerinnen. Die Berliner Künstlerin Leiko Ikemura ist zum ersten Mal im „Glassstress“; sie zeigt drei totemartige Figuren. Monica Bonvincini, auch sie in Berlin zuhause, ist mit einer Arbeit vertreten, die zwei ineinander verschränkte Arme aus transparentem Glas zeigt.
Der menschliche Körper im Fokus
Da schält sich das Thema dieser „Glassstress“-Ausgabe heraus. Der menschliche Körper – und man denkt an Georg Baselitz und seine brüchigen Helden in Gold – steht im Mittelpunkt. Für die portugiesische Künstlerin Fatinha Ramos bedeutet das Gefahr, permanent. Sie leidet an Osteogenesis imperfecta, der Glasknochenkrankheit. Es ist unheilbar und zwingt sie zu größter Vorsicht bei jeder alltäglichen Verrichtung. Fest und fragil. Vor ein paar Monaten erst kam Fatinha Ramos nach Murano und verabredete eine Kooperation mit der Fondazione Berengo. Das Ergebnis beeindruckt: Nach ihren Entwürfen ist ein filigranes Gewebe aus Glasfäden entstanden, ein zerbrechlicher Lebensbaum.
Josepha Gasch-Muche arbeitet seit jeher mit Glas. Ihr riesenhafter schneeweißer Kopf, aus Myriaden von Splittern und Scherben zusammengesetzt, gehört zu den stärksten Stücken der Ausstellung, denn sie zeigt, dass das Schöne das Schreckliche ist und das Starke auch das Kaputte. Gegenüber steht Koen Vanmechelens senkrechter, um einen zyklopenartigen Oberschenkelknochen gewickelter Kronleuchter.
Haut und Knochen, Glas und Farbe. Der Ägypter Moataz Nasr hat Vorzeichnungen für Tattoos gesammelt und dreidimensional in Glasfiguren verwandelt – ein verspieltes Kabinett von Fabeltieren, Kraftsymbolen, Traumfauen und religiösen Zeichen.
Marina Abramovic und die Launen des Glases
Geplant war auch ein Projekt mit Marina Abramovic. Doch Glas hat seine Launen und Tücken; das lebensgroße Abbild der Performance-Künstlerin ist nicht rechtzeitig für „Glassstress“ gelungen. Das Flüssige und das Feste befinden sich in dauerndem Konflikt, wie der menschliche Organismus.
Zukunftspläne: Academy of Glass und Neubauten
Adriano Berengo arbeitet weiter an seiner Vision. Auf Murano soll die Academy of Glass entstehen, eine dauerhafte Präsentation zeitgenössischer Glaskunst in Verbindung mit Zeichnung und Malerei und anderen Techniken. In Venedig öffnen sich stets neue Orte. Man baut alten Bestand aus, wie jüngst der Designer Dries van Noten, der sich im Palazzo Pisani am Canal Grande seinen Traum einer Wunderkammer erfüllt hat. Und es gibt auch Neubauprojekte: Thomas Schütte hat für die Fondazione Berengo ein Gebäude entworfen, das auf dem Lido entstehen soll, in Malamocco, südlich des Filmpalasts. Dort sollen einmal Stipendiaten wohnen und arbeiten, auf dem schmalen Stück Land zwischen Lagune und Meer. Venedig hört nie auf zu überraschen.



