„Weiterschwimmen“: Trost und Hoffnung durch tägliches Bahnenziehen
„Weiterschimmen“: Wie Schwimmen Trauer überwinden hilft

Es begann mit einer kleinen Beule am Bauch, entdeckt in einem Ferienhaus mit Pool. Ausgerechnet in den sonnigen Tagen des Urlaubs. Susanne Pawlik, heute 55 Jahre alt und im oberbayerischen Inntal zu Hause, hat diesen Moment nie vergessen. In ihrem Debütroman „Weiterschimmen“ lässt sie ihre Heldin Bea genau davon erzählen: „So viel Glück. Ferienhaus und Pool, sonnenlichte Tage“, heißt es da. Und dann: „Plötzlich war sie da. Die Beule an Karlas Bauch. Beim Eincremen. Links, direkt neben der Niere.“

Ein Schicksalsschlag, der alles verändert

Die Diagnose Krebs bei der siebenjährigen Tochter Karla stürzt die Familie in einen Ausnahmezustand. Pawlik schildert einen Alltag voller Kliniktermine, Stomabeutel, Einwegspritzen und Sauerstoffgerät. Zwischen diesen medizinischen Notwendigkeiten aber steht ein Kind, das bis dahin vor Energie sprühte. „Dieses Sprühen und Leuchten. Herumschwirren in wilden Choreographien“, schreibt die Autorin über das Mädchen mit den feinen Löckchen auf der Stirn. Die Krankheit zwingt die Familie, Abschied zu nehmen – lange bevor Karla tatsächlich stirbt. Sie erliegt dem Krebs einen Tag vor ihrem siebten Geburtstag, im Sommer 2017.

Pawlik macht in ihrem Buch deutlich, dass die Trauer nicht erst mit dem Tod beginnt. „Bei der Diagnose fing im Prinzip schon eine Art von Trauer an“, sagt sie rückblickend. „Man verabschiedet sich vom Gedanken an ein gesundes Kind, von der Normalität. Meiner Meinung nach wird über diese Art von Trauer viel zu wenig gesprochen. Alle denken, getrauert wird erst, wenn jemand gestorben ist.“ Dieser besondere Blick auf den Verlust ist einer der Gründe, warum der Roman weit über eine persönliche Schicksalserzählung hinausweist.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Swim of Consciousness“ – Schreiben im Brustschwimmrhythmus

Die Grundlage des Buches bildeten unzählige kleine Zettel, auf denen Pawlik in den Jahren der Trauer ihre Gedanken festhielt. Ihre besondere Schreibweise nennt sie „Swim of Consciousness“ – angelehnt an den „Stream of Consciousness“, mit dem James Joyce in „Ulysses“ den Gedankenstrom seiner Figuren darstellt. Pawlik erklärt den Unterschied: „Beim Schwimmen kann man nur andenken. Da kann man nicht Gedanken zu Ende spinnen, da kann man sie nur spüren. Man kann sie aber nicht zerdenken.“ Und weiter: „Analytisch kann man unter Wasser nicht sein, nur emotional. Das ist für mich dieser Swim of consciousness.“

Diese Technik prägt den gesamten Roman. Erzählte Passagen wechseln sich ab mit poetischen Zweizeilern, die wie Wellen im Brustschwimmrhythmus aufeinanderfolgen. Erinnerungsfetzen, Gefühle und Beobachtungen verdichten sich zu einem bewegenden Mosaik. Ein roter Faden sind die regelmäßigen Besuche im Waldschwimmbad, jedes Mal dokumentiert mit Luft- und Wassertemperatur – ganz so, wie es die Bademeister früher auf den Kreidetafeln notierten. „Wo dann der Bademeister die 24 auswischt mit Spucke und dann eine neue Gradzahl schreibt, wenn das Wasser wieder wärmer geworden ist“, erzählt Pawlik.

40 Bahnen als Rettung in der tiefsten Krise

Die Romanfigur Bea schwimmt am liebsten in einem Waldschwimmbad knapp über der österreichischen Grenze – genau wie Pawlik selbst seit Jahren. „Schwimmen hat mich durch schwere Zeiten gebracht“, sagt die Autorin. In diesem Bad kannte niemand ihr Schicksal. „Wo ich einfach nur die bin, die morgens ihren Kilometer schwimmt“, immer auf der äußeren Bahn. Es sei ein Ritual mit doppelter Wirkung: das Eintauchen ins kalte Wasser, das den Körper wieder spüren lässt, und die körperliche Erschöpfung, die den Kopf freimacht. „Und in einen Flow kommen, der ermöglicht, dass man Dinge denkt, die man vielleicht über Wasser nicht gedacht hätte.“ Auf diese Weise sammelte sie Kraft – Bahn für Bahn, 40 Bahnen am Stück.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Für Pawlik war das Schwimmen überlebenswichtig. „Für mich war es lebensrettend, weil es mich immer wieder gesammelt hat“, erklärt sie. Diese Erfahrung macht sie zur zentralen Metapher ihres Romans. Die gleichmäßigen Bewegungen im Wasser, das Ein- und Ausatmen, die Wiederholung der Bahnen – all das steht für die Möglichkeit, trotz größtem Schmerz weiterzumachen. Das Buch sei bewusst kein Buch voller Verzweiflung geworden, betont Pawlik. Es berühre tief und könne zu Tränen rühren, doch es mache auch Mut – nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst einen Weg aus der Trauer gefunden hat.

Erlösung: Darf das Leben einfach weitergehen?

Nach Karlas Tod reist Bea mit ihrem Mann Paul und ihrem Sohn Anton nach Portugal. In der fremden Umgebung stellt sich ihr eine quälende Frage: „Dürfen wir das genießen? Dürfen wir einfach mal nicht an zu Hause denken? Davon träumen, dass wir immer so leben könnten. Weit weg von allem.“ Diese Frage ist aus Pawliks eigener Erfahrung heraus geschrieben. Ihre Familie befand sich nach der Beerdigung im „Funktioniermodus“, wie sie es nennt: „Wenn der Alltag einsetzt und um die Hinterbliebenen die Welt sich ganz normal weiterdreht. Als ob nichts passiert wäre.“

Dennoch wollte sie eine Geschichte über Erlösung erzählen. „Ich wollte gerne über Erlösung schreiben, so wie der Tod irgendwann auch erlösend sein kann und so wie wir auch wieder die ersten Schritte ins Leben gemacht haben“, sagt Pawlik. „Und nicht Erlösung im Sinne von: Oh, endlich ist es vorbei. Sondern Erlösung im Sinne von: Oh, ich kann ja weitermachen.“ Dieser Perspektivwechsel macht den Roman so wertvoll für alle, die einen lieben Menschen verloren haben – nicht nur für Eltern und Geschwister, sondern für jeden Trauernden.

Aus der eigenen Not eine Berufung gemacht

Susanne Pawlik hat ihre Erfahrungen längst in eine neue Aufgabe umgewandelt. Sie arbeitet heute als Trauerbegleiterin und Trauerrednerin. Ihre persönliche Geschichte und ihr künstlerischer Umgang damit fließen in ihre Arbeit ein. Ihr Romandebüt „Weiterschimmen“ ist dabei nicht nur ein literarisches Zeugnis ihrer Trauer, sondern auch ein Trostbuch voller Poesie und sogar Humor. Es zeigt, dass das Leben nach einem schweren Verlust nicht einfach endet, sondern dass es möglich ist, neue Hoffnung zu schöpfen – vielleicht sogar im kühlen Wasser eines Schwimmbads, Bahn für Bahn.