Europas Mitschuld an der Ebola-Krise in Afrika
Europas Mitschuld an der Ebola-Krise in Afrika

Die Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) ist weiterhin außer Kontrolle

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt 808 bestätigte Infektionen mit der Bundibugyo-Variante des Virus, 165 Verdachtsfälle und 192 Todesopfer. 48 Erkrankte hätten sich inzwischen wieder erholt. Darüber hinaus seien jetzt auch im angrenzenden Südsudan zwei Infektionen bestätigt worden, sagte Jean-Jacques Muyembe, Direktor des Institut National de Recherche Biomédicale in Kinshasa, dem Tagesspiegel. Eine weitere Ausbreitung der Epidemie gilt als wahrscheinlich. Bislang beschränkte sich der Ausbruch zwar auf den Ost-Kongo, nur in Einzelfällen – 19 bestätigte Infektionen, zwei Todesfälle – wurde das Virus in das angrenzende Uganda getragen. Doch in den östlichen Grenzgebieten gebe es viel Austausch und Verkehr, sagte Muyembe. Hinzu kämen politisch instabile Verhältnisse und kriegerische Auseinandersetzungen mit Milizen, die Teile des Ost-Kongo kontrollieren. Das mache die Bemühungen von Hilfskräften, die Ausbreitung des Virus zu stoppen, schwierig bis unmöglich.

Stollen voller Gold und Fledermäuse

Der Epidemiologe Maximilian Gertler von der Organisation Ärzte ohne Grenzen sprach im Deutschlandfunk von Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Helfern und Ärzten und einer „hohen Dunkelziffer“ – potenziell ansteckenden Infizierten, die den Behörden nicht bekannt und daher nicht isoliert sind. Wo die Epidemie ihren Anfang nahm, ist nach wie vor offen. Eine Vermutung sei, so Ebola-Mitentdecker Muyembe, dass sich der erste Patient („Patient Null“) in der Nähe von Mungbwalu mit der Bundibugyo-Virusvariante infiziert habe. Dort gibt es Minen, in denen wichtige Rohstoffe abgebaut werden, die unter anderem für die Produktion von Smartphones weltweit benötigt werden. „Wenn Mongbwalu der Infektionsursprung ist, dann kennen wir frühere Beispiele, in denen es bereits Ansteckungen in Goldminen gab“, sagte Muyembe.

1999 etwa habe ein Ausbruch des Marburg-Virus – ein dem Ebola-Virus ähnlicher Erreger mit vergleichbar schweren Symptomen und hoher Sterblichkeitsrate – seinen Ursprung in einer verlassenen Goldmine bei Durba gehabt, gut zweihundert Kilometer von Mongbwalu entfernt. „Die Mine war von Marburg-infizierten Fledermäusen bevölkert“, sagt Muyembe. In Fledermäusen und Flughunden finden Virologen regelmäßig Varianten des Ebolavirus. So nahm die bislang größte Ebola-Epidemie 2013/14 in Westafrika ihren Anfang, sehr wahrscheinlich in einem Dorf in Guinea. Ein zweijähriger Junge („Patient Null“) hatte wohl unter einem hohlen, abgestorbenen Baum gespielt, in dem die Tiere lebten, und sich über den infizierten Kot angesteckt.

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Entscheidend für die Ausbreitung nach einer solchen Zoonose

Dem Überspringen des Erregers vom Tier auf den Menschen, sind jedoch die Umstände des menschlichen Zusammenlebens. Zwar gab es wohl schon seit Jahrhunderten immer wieder mal Ebola-Zoonosen, doch blieben sie meist auf die wenigen, abgeschiedenen Dörfer im zentralafrikanischen Dschungel beschränkt. Nun aber finden Viren in den wilden Siedlungen, die sich rund um Minen entwickeln und weder Hygienestandards erfüllen noch hinreichend ärztliche Versorgung haben, beste Bedingungen, sich zu verbreiten. Das gilt für diverse Erreger, nicht nur Ebola. So verbreitete sich in der Vergangenheit etwa MPox in der Region um die Goldmine Kamituka in Süd-Kivu, sagt Muyembe. Er hält es nicht für einen Zufall, dass Süd-Kivu auch zu den derzeit von Ebola betroffenen Ostprovinzen der DR Kongo gehört.

Mit jedem Prozent weniger Wald steigt die Ebola-Gefahr um bis zu 40 Prozent

Noch ist unklar, ob der aktuelle Ausbruch die Ausmaße der Epidemie von 2013/14 erreicht, bei der sich 28.000 Menschen in zehn Ländern infizierten. Doch die Zeichen stehen schlecht. Binnen eines Monats haben sich die Fallzahlen, soweit überhaupt bekannt, vervierfacht. Dass die DRC seit 1976 schon 17 Ebola-Ausbrüche erleben musste, ist kein Zufall. Mehr und mehr Menschen dringen in den Urwald vor und kommen dadurch in Kontakt mit Wildtieren und ihren Ausscheidungen, die mit Ebola (und anderen Viren) infiziert sind. Untersuchungen in Gabun zufolge, tragen etwa 20 Prozent der in oder nahe des Dschungels lebenden Menschen Antikörper gegen Ebolaviren, waren also dem Virus schon ausgesetzt.

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Zwei Millionen Menschen, wird geschätzt, graben allein in der Demokratischen Republik Kongo selbstständig in Minen nach Mineralien und Erzen, unter gefährlichen Bedingungen. Oder anders ausgedrückt: Mit jedem Prozentpunkt weniger Wald in Zentralafrika steigt die Wahrscheinlichkeit für Ebola um 20 bis 40 Prozent, schätzen Forschende. Auch beim aktuellen Ausbruch stimmt das Muster: 2024 ging der Regenwald in der betroffenen Region um 1,5 Millionen Hektar zurück, Satellitendaten des Global Forest Watch zufolge.

Einer der Gründe für den Drang von immer mehr Menschen, in den Urwald vorzudringen

Ist eine Form von wildem Bergbau, „artisanal mining“, wie es der Ökonom Malte Ladewig von der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften nennt. Um zu überleben, graben die Menschen nach Mineralien wie Gold und Coltan oder dem Erz Kobalt. Über Schmugglernetzwerke wird damit dann die globale Nachfrage bedient – etwa der Handyindustrie. Allein in DRC, dem größten Kobalt-Lieferanten weltweit, sind das zwei Millionen Menschen. Auch nach Kupfer, Wolfram, Zinn und Tantal wird gesucht – alles unverzichtbar für Halbleiter und Smartphones. Die Nachfrage ist so groß, dass in DRC inzwischen 30 Prozent der Haushalte vom Kleinbergbau tief im Dschungel, statt von der Landwirtschaft leben.

Mongbwalulu ist eine der schnell wachsenden Bergbaustädte im von unregulierten Goldabbaugebieten übersäten Nordosten der DRC nahe des Albertsees an der Grenze zu Uganda. Erst im vergangenen Jahr, so zeigen es Satellitenfotos, wurden besonders viele Wälder abgeholzt – wohl als Reaktion auf den stark gestiegenen Goldpreis, dem Wissenschaftler Matthew Hansen vom US Geological Survey zufolge „massenhaft“. Unter der Erde sieht es nicht besser aus. Die Stollen, die die Menschen oft mit bloßen Händen in die Erde treiben, sind kilometerlang. In vielen haben sich Fledermäuse eingenistet, von denen zumindest einige das Ebola-Virus tragen dürften. Das bedeutet, dass die Bergleute in den feuchten, kotverschmierten Gängen zwangsläufig mit den Ausscheidungen oder den Tieren selbst in Kontakt kommen. Tag für Tag. Die Hölle für die Menschen, ein Paradies für die Viren. Denn der Mensch hat – ungewollt – das perfekte Verbreitungssystem für die Erreger geschaffen. Über die engen Kontakte in den Bergbausiedlungen, in denen auch Prostitution floriert und so etwa zur Verbreitung von Mpox beitrug, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Virus auf den nächsten Menschen überspringen und entlang der Handelsrouten bis in die größeren Städte der Umgebung gelangt, etwa Bunia. Dort hat die WHO jetzt ihr Zentrum zur Bekämpfung des aktuellen Ausbruchs aufgebaut. Wohl nicht ohne Grund.