Archäologische Ausgrabungen nahe der Stadt Šurany im Südwesten der Slowakei haben die Überreste eines römischen Militärlagers aus der Regierungszeit von Kaiser Marcus Aurelius zutage gefördert. Der Fund, über den das Fachmagazin „Archaeologymag“ berichtet, gibt den Forschern mehrere Rätsel auf. Zum einen weicht der Grundriss der Anlage deutlich von der für römische Marschlager typischen rechteckigen Form ab. Zum anderen entdeckten die Archäologen die Skelette mehrerer römischer Legionäre, deren Bestattungsweise nicht den üblichen römischen Bräuchen entspricht.
Ungewöhnlicher Grundriss und erste Clavicula-Tor in der Slowakei
Das rund 7,4 Hektar große Militärlager wird nicht durch moderne Bebauung oder Infrastruktur überlagert, was den Forschern die seltene Möglichkeit bietet, die gesamte Anlage systematisch zu untersuchen. Archäologen des Instituts für Archäologie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften stellten fest, dass der Grundriss von der typischen rechteckigen Form abweicht. Nach bisherigen Datierungen entstand das Lager während der Markomannenkriege und gehört damit in die Regierungszeit von Marcus Aurelius (161–180 n. Chr.).
Trotz seines ungewöhnlichen Grundrisses weist das Lager zahlreiche charakteristische Elemente römischer Militärarchitektur auf, darunter Verteidigungsgräben, Erdwälle, insgesamt fünf Toranlagen sowie ein sogenanntes Clavicula-Tor mit einem geschwungenen Zugangsbereich, der der Kontrolle einrückender Personen diente. Nach Angaben der Wissenschaftler handelt es sich um den ersten archäologischen Nachweis eines solchen Clavicula-Tores in der Slowakei. Der Fund erweitert die Kenntnisse über die römische Militärpräsenz nördlich der Donau und schließt eine bislang bestehende Forschungslücke.
Rätselhafte Bestattungen der Legionäre
Besonders rätselhaft sind die entdeckten menschlichen Überreste. Vollständige Skelette sowie einzelne Knochen wurden in Verteidigungsgräben, Vorratsgruben, Brunnen und flachen Erdgräbern gefunden. Nach derzeitigem Forschungsstand handelt es sich überwiegend um römische Legionäre. Die Art ihrer Bestattung weicht jedoch deutlich von den üblichen römischen Bräuchen ab und lässt auf außergewöhnliche Ereignisse schließen.
Die Forscher diskutieren mehrere Erklärungsansätze. Eine Hypothese geht davon aus, dass eine Krankheit innerhalb des Lagers zu einer von den üblichen römischen Bestattungsritualen abweichenden Behandlung der Verstorbenen geführt haben könnte. Alternativ wird angenommen, dass die Toten im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen ums Leben kamen. Darüber hinaus versuchen die Archäologen zu klären, weshalb wertvolle Bestandteile der militärischen Ausrüstung an den Fundorten verblieben und offenbar nicht, wie nach Gefechten üblich, geborgen oder wiederverwendet wurden.
Weitere archäologische Funde und moderne Untersuchungsmethoden
Neben dem römischen Militärlager dokumentierten die Ausgrabungen weitere bedeutende archäologische Fundstellen. Hierzu zählen eine ausgedehnte Siedlung aus der Bronzezeit, ein frühmittelalterliches Dorf aus dem 7. und 8. Jahrhundert, ein Gräberfeld der Awaren sowie eine weitere Begräbnisstätte, die über einen außergewöhnlich langen Zeitraum von der Bronzezeit über die keltische Epoche und das Frühmittelalter bis in das 10. Jahrhundert genutzt wurde. Die Funde verdeutlichen die kontinuierliche Besiedlung des Gebietes über mehrere Jahrtausende.
Zur möglichst schonenden Untersuchung empfindlicher Artefakte kommen moderne Methoden zum Einsatz. Mehrere Artefakte wurden zunächst mitsamt den sie umgebenden Erdblöcken geröntgt, um ihre Struktur und ihren Erhaltungszustand zu dokumentieren, bevor sie freigelegt wurden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den gut erhaltenen Überresten römischer Schuhe, von denen sich die Archäologen neue Erkenntnisse über Ausrüstung, Herkunft und Lebensbedingungen der Soldaten versprechen.
Die wissenschaftliche Auswertung wird voraussichtlich noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen und erfolgt im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit. Radiokarbondatierungen werden in Polen durchgeführt, während Fachleute in Österreich, Deutschland, der Tschechischen Republik, Südafrika und weiteren Ländern genetische Untersuchungen sowie Isotopen- und Bodenanalysen vornehmen.



