Peking: Die chinesische Wirtschaft hängt immer stärker vom Außenhandel ab. Während die Industrieproduktion und die Exporte zulegen – besonders dank KI-Hardware –, sinkt der Binnenkonsum, und auch am Immobilienmarkt hellt sich die Lage nicht nachhaltig auf.
Exporte als wichtigster Wachstumstreiber
Die Exporte sind der wichtigste Wachstumstreiber der chinesischen Wirtschaft. Die am Dienstag in Peking veröffentlichten jüngsten Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass sich dieser Trend fortsetzt. Während die Industrieproduktion der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt weiter zunimmt, zeigt der Binnenkonsum wenig Dynamik. So sind die Einzelhandelsumsätze im Mai erstmals seit knapp vier Jahren wieder gefallen. Auch der ohnehin angeschlagene chinesische Immobiliensektor zeigt bislang keine echte Erholung.
Industrieproduktion und Exporte im Aufwind
Die Industrieproduktion stieg im Mai im Jahresvergleich um 4,5 Prozent, nach 4,1 Prozent im April, wie das Nationale Statistikamt angibt. Verantwortlich dafür ist vor allem der Außenhandel: Die Exporte stiegen im Mai um 19,4 Prozent – gestützt durch die hohe weltweite Nachfrage nach Technologie rund um Künstliche Intelligenz (KI). Laut den Daten trugen Halbleiter und andere Tech-Komponenten maßgeblich zum Exportwachstum und auch zu den Importen bei. Die Ausfuhren chinesischer Chips stiegen um 111 Prozent.
Schwacher Binnenkonsum belastet
Der Außenhandel stützt die chinesische Wirtschaft, die im Inland mit Problemen zu kämpfen hat. So gingen die Einzelhandelsumsätze im Mai um 0,6 Prozent zurück – die Zahl ist ein wichtiges Barometer für die private Konsumneigung in China. Dies ist der erste Rückgang seit Dezember 2022 und ein Dämpfer für die Bemühungen der chinesischen Regierung, den Binnenkonsum wieder zu beleben. Allerdings scheut sich Peking bislang, größere Konjunkturprogramme aufzulegen.
Autoverkäufe im Inland stark rückläufig
Besonders deutlich zeigt sich die Schwäche der Binnennachfrage im wichtigen Autosektor. Die Verkäufe im Land selbst sanken im Mai zum achten Mal in Folge. China ist der weltgrößte Automarkt. Laut Daten des chinesischen Verbands für Pkw wurden im Mai nur noch rund 1,5 Millionen Autos verkauft. Das ist ein Minus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Von Januar bis Mai lagen die Verkäufe um fast 20 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums.
Diese Entwicklung ist ein Grund dafür, dass Chinas Autobauer verstärkt nach Absatzmärkten in Übersee suchen, so auch in Europa und Deutschland. Die europäischen Regierungen sowie die Europäische Union diskutieren in dieser Woche unter anderem beim G7-Gipfel in Évian über stärkere Schutzmaßnahmen gegen chinesische Exporte. Diese bedrohen nach weithin geteilter Meinung aufgrund von Chinas Industriepolitik und der gezielten Schwächung des Yuan europäische Jobs.
Mittelschicht: Stagnation statt Wachstum?
Lange galt China als Markt mit sehr verlässlichen Wachstumsaussichten, was unter anderem auf das Wachstum der Mittelschicht und somit der Zahl kaufkräftiger Kunden zurückzuführen ist. Staatliche Medien schätzen die Mittelschicht auf mehr als 400 Millionen der insgesamt 1,4 Milliarden Einwohner. Bislang ging man in China von weiterem Wachstum aus. Es gibt jedoch auch zunehmend Stimmen, die davon ausgehen, dass diese Zahl eher stagnieren könnte.
Fallende Immobilienpreise
Ein Grund für den schwachen Konsum ist die anhaltende Immobilienkrise – und die Zeichen mehren sich, dass sie sich wieder vertieft. So fielen im Mai die Immobilienpreise schneller und stoppten damit die zu Jahresbeginn sichtbaren Anzeichen von Hoffnung auf Stabilisierung. So sanken die Preise für Neubauten (ohne die staatlich subventionierten Wohnungen) in 70 Städten im Mai gegenüber April um 0,2 Prozent, nachdem sie im April um 0,19 Prozent nachgegeben hatten, wie das Statistikamt mitteilte. Die Preise für Bestandswohnungen im Wiederverkauf, die weniger staatlichen Eingriffen unterliegen, fielen um 0,26 Prozent – das ist der stärkste Rückgang seit drei Monaten.
Die Immobilienkrise belastet die chinesische Wirtschaft seit rund fünf Jahren. Viele Chinesinnen und Chinesen haben ihre Altersvorsorge in Immobilien investiert. Viele Menschen sind vorsichtig geworden und halten ihr Erspartes zusammen, da die Altersvorsorge insgesamt als zu niedrig und volatil empfunden wird. Fallende Preise erschweren es der Führung deshalb, den privaten Konsum zu stärken.
Eine Trendwende beim Binnenkonsum und auf dem fragilen Arbeitsmarkt ist bislang nicht in Sicht. Ohne eine spürbar stärkere Nachfrage im Inland droht der Wirtschaft eine Abschwächung – selbst wenn eine Öffnung der Straße von Hormus am Golf die weltweiten Märkte stabilisieren könnte.



