Geopolitik: Chinas stiller Sieg über Russland – Abhängigkeit wächst
Chinas stiller Sieg über Russland: Abhängigkeit wächst

Die russische Präsenz ist inzwischen bis ins Herz Shanghais vorgedrungen. An der West Nanjing Road, einer der zentralen Flaniermeilen der Metropole, drängen sich russische Touristen durch die Luxusgeschäfte. Vor dem neuen Flagship-Store von Louis Vuitton, einem imposanten Bau in Schiffsform, steht eine Gruppe aus Moskau und fotografiert ausgiebig. Für Chinas nur schleppend anspringenden Konsum ist jede zahlungskräftige Nachfrage willkommen.

Diese Szene ist mehr als eine Anekdote; sie fügt sich in ein Muster ein: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich Russlands wirtschaftliche Verlagerung nach Osten und Süden beschleunigt – und wird im chinesischen Alltag sichtbar. Während Europa die Handels-, Energie- und Finanzverbindungen zu Russland gekappt oder stark reduziert hat, zieht China Russland immer enger in seine ökonomische Einflusssphäre. Allerdings geschieht dies nach Pekings Bedingungen.

Auch auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum in dieser Woche, an dem viele chinesische Firmen teilnehmen, ist diese Entwicklung zu beobachten. Im Folgenden werden die wichtigsten Felder dieser zunehmend ungleichen Partnerschaft beleuchtet.

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Politik: Partnerschaft ohne Augenhöhe

Offiziell sprechen beide Seiten weiterhin von einer „grenzenlosen Partnerschaft“. Chinesische Staatsmedien beschwören eine gemeinsame Front gegen westliche Dominanz, russische Politiker feiern China als strategischen Bruder im Kampf gegen die amerikanische Weltordnung. Doch hinter der Symbolik entsteht keine echte Partnerschaft auf Augenhöhe.

Vielmehr wird Russland zunehmend zu einem Rohstofflieferanten, Absatzmarkt und geopolitischen Pufferstaat innerhalb einer von Peking dominierten Wirtschaftsarchitektur. „Russland handelt geopolitisch zwar oft demonstrativ unabhängig, ist aber seit 2022 finanziell deutlich abhängiger von China geworden“, sagt Johannes Petry, Finanzwissenschaftler und Chinaexperte an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Russlands Krieg wirkt dabei wie eine Art Katalysator für die Annäherung zweier Staaten, die lange Zeit Kontrahenten waren. „In der Realität scheint China sehr darauf bedacht zu sein, keine offene und direkte militärische Unterstützung für Russland zu zeigen“, sagt Ian Chong, Politikprofessor an der National-Universität von Singapur. Peking versuche vielmehr, mehrere Ziele gleichzeitig zu erreichen: den Bruch mit Europa nicht weiter zu vertiefen, keine offene Annexion eines souveränen Staates zu legitimieren – und zugleich die strategischen Vorteile aus Russlands Isolation zu ziehen.

Russland ist durch Sanktionen, Technologieblockaden und den Verlust westlicher Märkte in eine starke Abhängigkeit geraten. China dagegen kann von Fall zu Fall entscheiden, welche Teile dieser Abhängigkeit es nutzt – und welche nicht.

Energie: Streit um „Power of Siberia 2“

Besonders deutlich zeigt sich die Asymmetrie am wichtigsten Energieprojekt beider Staaten – der geplanten Pipeline „Power of Siberia 2“. Für Moskau ist das Projekt strategisch existenziell. Nach dem Wegbrechen des europäischen Gasmarkts braucht Russland dringend neue langfristige Abnehmer. Die Pipeline wird in Planungen mit einer Kapazität von bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr beschrieben.

Entsprechend angespannt verfolgen russische Delegationen inzwischen jede Begegnung zwischen den Staatsführern. Bei Gipfeltreffen in Peking oder Moskau treten Funktionäre demonstrativ optimistisch vor die Kameras, sprechen von Fortschritten und „strategischer Kooperation“. Doch hinter den Kulissen reist die russische Seite regelmäßig ohne verbindliche Einigung ab.

So war es auch beim Gipfeltreffen der beiden Präsidenten im Mai in Peking. Experten zufolge hatte Russland mit einem Deal gerechnet – so ließen sich auch einzelne Äußerungen russischer Energiemanager deuten. Doch China mauert weiter, die russische Delegation musste mit leeren Händen zurückfliegen. Auf chinesischer Seite ist keine Eile zu erkennen.

Handel: China hat den Westen ersetzt

Die Asymmetrie zeigt sich auch in den Handelszahlen. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2025 rund 228 Milliarden Dollar. Dabei exportierte Russland vor allem Öl, Gas und andere Rohstoffe im Wert von etwa 126 Milliarden Dollar nach China, während chinesische Lieferungen nach Russland bei rund 102 Milliarden Dollar lagen.

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Auffällig ist jedoch die wachsende Ungleichheit: Während Russland immer stärker auf den chinesischen Absatzmarkt angewiesen ist, kann Peking stärker mit anderen Handelspartnern variieren. Die günstige Energie aus Russland verschafft chinesischen Unternehmen Spielräume: Sie stabilisiert Kosten, verbessert Margen in energieintensiven Bereichen und kann in einzelnen Branchen die Wettbewerbsfähigkeit auf Weltmärkten stützen.

Gleichzeitig ersetzt China schrittweise westliche Anbieter in Russland. Maschinen, Elektronik, Fahrzeuge und industrielle Komponenten kommen zunehmend aus der Volksrepublik. Russland wird dadurch tiefer in chinesische Lieferketten integriert – allerdings nicht als gleichberechtigter Partner, sondern als abhängiger Absatz- und Rohstoffmarkt.

Konsum und Tourismus: China profitiert

Besonders in den Grenzregionen erlebt China einen russischen Konsumboom. In der nordöstlichen chinesischen Grenzstadt Hunchun reisen russische Besucher aus dem Fernen Osten an. Vor Einkaufszentren mit kyrillischer Leuchtreklame parken russische Geländewagen, in kleinen Restaurants stehen Speisekarten auf Russisch und Mandarin nebeneinander. Verkäuferinnen begrüßen Kunden mit einstudierten russischen Floskeln, während Familien Koffer mit chinesischer Kosmetik und Babynahrung über die Grenze transportieren.

Geschäfte werben auf Russisch, Restaurants servieren Borschtsch, Schönheitssalons beschäftigen russischsprachige Mitarbeiter. Seit China die Visapflicht für russische Besucher ausgesetzt und die Regelung im Mai noch einmal verlängert hat, berichten Händler von deutlich mehr russischer Kundschaft.

Besonders deutlich wird das aber in den großen touristischen Zentren wie Shanghai, Peking oder der südchinesischen Urlaubsinsel Hainan. In den Duty-free-Malls der Inselstadt Sanya schieben russische Familien inzwischen Koffer zwischen den Kosmetik- und Luxusgeschäften hindurch. Hotelangestellte lernen russische Begrüßungen, Reiseveranstalter werben mit Direktflügen aus sibirischen Städten.

Die Insel entwickelt sich zu einem bevorzugten Reiseziel russischer Urlauber. Nach russischen Angaben wurden zuletzt in den ersten beiden Monaten des Jahres rund 90.000 russische Ankünfte genannt; das entspräche einem Plus von mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Russen stellen nach diesen Angaben inzwischen etwa ein Drittel aller internationalen Besucher Hainans.

Neue Direktflugverbindungen verbinden eine zweistellige Zahl russischer Städte mit Hainan. Viele klassische Reiseziele in Europa bleiben russischen Touristen mittlerweile verschlossen. Mit dem Irankonflikt sind nun auch die Ziele im Nahen Osten unattraktiver geworden. China profitiert von den multiplen Krisen.

Immobilien: Die Grenzen der Freundschaft

Immer wieder kursieren Berichte über wohlhabende Russen, die Wohnungen in China kaufen oder chinesische Immobilien als sicheren Hafen nutzen. Doch bei genauerem Hinsehen zerfällt diese Erzählung.

Chinas Eigentums- und Kapitalregime bleibt für ausländisches Privatkapital restriktiv. In vielen Städten dürfen Ausländer nur eine selbst genutzte Wohnung erwerben – häufig erst nach einem längeren legalen Aufenthalt und unter Auflagen.

Für reiche Russen ist China deshalb selten die erste Wahl zur Vermögenssicherung. Offene Märkte wie Thailand oder Singapur wirken für viele Investoren kalkulierbarer – wegen klarerer Eigentumsregeln und geringerer Transferhürden.

Bemerkenswert ist eher, wie China seine eigene Immobilienkrise indirekt mit Russland verknüpft: In der Grenzstadt Suifenhe beispielsweise in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang wurde ein unvollendeter Wohnkomplex nicht fertiggestellt, sondern asphaltiert und in einen Exportparkplatz für Gebrauchtwagen Richtung Russland umgewandelt.

Zwischen halbfertigen Betonfassaden stehen dort heute Reihen chinesischer Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange. Wo einst Wohnungen verkauft werden sollten, warten nun Autos auf den Weitertransport über die nahe Grenze.

Exporte: Absatz für Chinas Überkapazitäten

Vor dem Ukrainekrieg dominierten westliche Autohersteller den russischen Markt, viele produzierten lokal. Mit Sanktionen und dem Rückzug westlicher Konzerne entstand ein Vakuum – China füllte es. Innerhalb weniger Jahre stieg der Anteil chinesischer Marken am russischen Automarkt von etwa sieben auf nahezu 60 Prozent. Russische Kunden kaufen heute Fahrzeuge von Chery, Geely oder Haval statt europäischer oder japanischer Modelle.

Für China ist das ein großer Gewinn: Russische Nachfrage kompensiert einen Teil der schwächelnden Inlandsdynamik. Doch der Automarkt ist auch das Feld, auf dem Russland sich gegen Chinas Dominanz zur Wehr setzt. So sanken Chinas Fahrzeugexporte nach Russland von Januar bis November 2025 gemessen am Volumen im Jahresvergleich um 46 Prozent, wie die China Passenger Car Association mitteilte.

Hintergrund ist, dass Moskau die Abgaben auf chinesische Autos, die den russischen Markt zuvor überschwemmt hatten, erhöhte. Auch Russland schützt seine Märkte, in diesem Fall sogar gegen die Importe des engen Partners China.

Finanzen: Der Yuan wird dominanter

Noch tiefgreifender als der Warenhandel ist die finanzielle Verschiebung seit Kriegsbeginn. „Russland braucht Yuan-Liquidität, chinesische Banken, Zahlungsinfrastrukturen und Zugang zu chinesischen Märkten sehr viel stärker als umgekehrt“, sagt der Finanzwissenschaftler Johannes Petry. Der Yuan sei für Russland zentral geworden im bilateralen Handel, auf dem russischen Devisenmarkt, bei Reserven und Kreditbeziehungen.

Durch den Ausschluss vieler russischer Banken aus dem Zahlungssystem Swift und westliche Sanktionen verlor Moskau große Teile seines Zugangs zum globalen Dollar-System. China nutzt diese Situation, um den Yuan – die Zahleinheit der Renminbi genannten Währung – international stärker zu verankern. Der Fall Russland sei ein Beleg, dass die „Renminbi-Internationalisierung weiter voranschreitet, aber dies auch mit der Formung neuer Abhängigkeiten gegenüber China einhergeht“, wie Petry sagt.

Der bilaterale Handel zwischen Russland und China wird inzwischen zu mehr als 70 Prozent in Yuan abgerechnet, auf den Rubel entfallen weniger als zehn Prozent. „Zahlungen an Drittstaaten werden ebenfalls teilweise in Yuan abgewickelt, etwa bei russischen Ölverkäufen nach Indien oder bei Zahlungen Bangladeschs an Russland für das Rooppur-Kernkraftwerk“, sagt Petry.

Russische Banken bauen ihre Präsenz in China aus: Die staatliche VTB Bank erweiterte ihre Niederlassung in Shanghai, weitere Institute suchen Nähe zu chinesischen Zahlungswegen. China unterstützt diese Entwicklung – wiederum zu eigenen Bedingungen. Russland erhält Zugang zu chinesischen Zahlungswegen, aber nicht zu finanzieller Gleichberechtigung. Die entscheidende Infrastruktur bleibt chinesisch kontrolliert.

Peking nutzt Russland damit als Testfeld für eine begrenzte Entdollarisierung. Der Krieg beschleunigt Entwicklungen, die China ohnehin anstrebt: alternative Zahlungssysteme, stärkere Nutzung des Yuans und geringere Abhängigkeit vom westlich dominierten Finanzsystem.

Während russische Touristen an der West Nanjing Road Luxusartikel kaufen und russische Banken ihre Büros in Shanghai ausbauen, entsteht damit Schritt für Schritt eine neue Realität: Russland bleibt militärisch Großmacht – bewegt sich wirtschaftlich jedoch immer tiefer in Chinas Umlaufbahn. Das wird in Moskau vielen nicht gefallen.