Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ist zu Besuch in Rio de Janeiro – begleitet von einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation. Der erste offizielle Besuch einer politisch unterstützten deutschen Wirtschaftsdelegation in Brasilien seit Inkrafttreten des Mercosur-Freihandelsabkommens mit der EU ist straff getaktet. Vom goldenen Strand der Copacabana im Hilton-Hotel bleibt nur der Blick aus dem Fenster, denn Freizeit ist nicht eingeplant. „Wir planen nie Freizeit ein, um uns nicht dem Vorwurf der Steuerverschwendung auszusetzen“, erklärte die SPD-Politikerin. Dabei hätte sie beinahe den Rio-Marathon miterlebt, bei dem 70.000 Sportler entlang der Strände von Ipanema und Copacabana liefen.
Brasilien als Vorbild bei digitalen Zahlungssystemen und Behördendiensten
Die Hoffnungen der Berliner Delegation sind groß: neue Kontakte knüpfen und bestehende Beziehungen vertiefen. „Die Türen stehen offen“, motivierte Giffey die rund zwei Dutzend Teilnehmer. IHK-Geschäftsführerin Manja Schreiner betonte: „Ich freue mich, dass wir alle mal gucken dürfen, wie das in Rio funktioniert.“ Die Reise führt später auch nach São Paulo. Besonders beeindruckt zeigt sich die Delegation von der Digitalisierung des Alltags in Brasilien. Wer am Strand eine frische Kokosnuss kauft, zahlt die 10 Real (knapp zwei Euro) digital – per Kreditkarte oder das brasilianische System Pix, das fast alle der über 200 Millionen Bürger nutzen. Bargeld ist verpönt, zu unsicher und aufwendig. Zudem hat der Staat 160 Behördendienste digitalisiert und über eine App zugänglich gemacht; 160 Millionen Menschen sind registriert. Rio gilt als Brasiliens Digitalhauptstadt und hat São Paulo als Start-up-Standort überholt. Die Initiative „Rio AI City“ plant mit reichlich Ökostrom eine Offensive für Rechenzentren, um Start-ups und IT-Unternehmen anzuziehen. Der Web Summit aus Lissabon hat seinen großen Südamerika-Ableger unter dem Zuckerhut angesiedelt – 30.000 Besucher werden erwartet. Berliner Unternehmer wollen dort um Aufträge pitchen.
Start-up-Kooperation und gemeinsame Herausforderungen
Beim ersten offiziellen Termin mit der brasilianischen Seite bei der städtischen Investitions- und Entwicklungsagentur CCPAR, die rund 170 Jungunternehmen fördert, kamen gemeinsame Interessen zur Sprache. Brasilianer und Deutsche wollen ihre Wirtschaftskontakte diversifizieren und Start-ups beim Wachstum helfen. „Ich bin überzeugt, dass Städte viel engere Beziehungen aufbauen können als Staaten“, sagte Stadtrat Osmar Lima. Er warb für seine dynamische 7-Millionen-Einwohner-Metropole, verschwieg aber auch Probleme: Die Zusammenarbeit der Universitäten mit dem privaten Sektor sei schwach, und Bürokratie bremse die Entwicklung – ähnlich wie in Berlin. „Immer sind fünf oder mehr Stellen zuständig“, berichtete Lima. Dagegen hat Rio ein Sandkasten-Verfahren gestartet: Innovative Unternehmen können ihre Produkte im Stadtraum testen – etwa das Laden von Elektroautos, Verkehrslösungen oder Drohnen, die Schwimmwesten über in Not geratenen Badegästen abwerfen. „Das ist so Rio und so einfach“, sagte Lima. Die Genehmigungen für Tests an den belebten Stränden zu bekommen, sei nicht leicht gewesen, aber nun könne der digitale Rettungsschwimmer starten. Giffey wird die Drohnen-Retter wohl nicht in Aktion sehen – Zeit für Strandbesuche bleibt nicht, bevor es am Mittwoch nach São Paulo weitergeht. Ihr bleibt nur der Meerblick aus dem Hotelzimmer im 20. Stock.



