UN-Tribunal-Archiv: Niederlande wollen Beweise für Jahrhundertverbrechen loswerden
UN-Tribunal-Archiv: Niederlande wollen Beweise loswerden

Rund 24 Jahre lang verfolgte ein UN-Strafgericht Kriegsverbrechen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Die gesammelten Beweise umfassen kilometerweise Akten, Videos und andere Dokumente. Nun wollen die Niederlande das Archiv offenbar loswerden, wie eine Recherche ergab.

Ein Jahrhundertverbrechen dokumentiert

Das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag sammelte über zwei Jahrzehnte Beweise für Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Der Umfang des Archivs ist gewaltig: Rund 8.000 Aktenordner, 15.000 Stunden Videomaterial und über 10.000 Beweisstücke lagern in den Räumlichkeiten des Tribunals. Nach Angaben des Gerichts wurden insgesamt 161 Personen angeklagt, 90 verurteilt.

Niederlande unter Druck

Die niederländische Regierung steht offenbar vor der Herausforderung, das Archiv langfristig zu lagern. „Die Kosten für die Aufbewahrung sind enorm“, zitiert der Bericht einen nicht genannten Regierungsvertreter. Schätzungen zufolge belaufen sich die jährlichen Kosten auf mehrere Millionen Euro. Die Niederlande haben daher bei den Vereinten Nationen angefragt, ob das Archiv in ein anderes Land verlegt werden kann.

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Beweise für die Nachwelt

Historiker und Juristen warnen vor einer Vernichtung oder Zerstreuung der Beweise. „Dieses Archiv ist von unschätzbarem Wert für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und die Prävention zukünftiger Gräueltaten“, sagte ein Sprecher des ICTY. Die Dokumente dienten bereits als Grundlage für Verfahren vor anderen internationalen Gerichten. Eine mögliche Lösung wäre die Übergabe an ein Museum oder eine Gedenkstätte in Bosnien-Herzegowina.

Reaktionen aus der Region

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wird die Diskussion aufmerksam verfolgt. In Sarajevo fordern Opferverbände, dass das Archiv in der Region verbleibt. „Die Beweise gehören dorthin, wo die Verbrechen stattfanden“, sagte ein Vertreter der Vereinigung der Mütter von Srebrenica. Die bosnische Regierung hat Interesse an einer Übernahme signalisiert, benötigt jedoch internationale Unterstützung.

UNO noch ohne Entscheidung

Die Vereinten Nationen haben sich bislang nicht abschließend geäußert. Ein Sprecher des UN-Generalsekretärs erklärte, man prüfe verschiedene Optionen. Eine Entscheidung wird frühestens im Herbst erwartet. Bis dahin bleibt das Archiv vorerst in Den Haag – doch die Zeit drängt, denn die Mietverträge für die Lagerräume laufen aus.

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