Der Brexit traf die Europäische Union völlig unvorbereitet. Selbst die größten Pessimisten in Brüssel hatten nicht damit gerechnet, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Union stimmen würden. Nach einer Phase des Schocks und der gegenseitigen Vorwürfe zeichnet sich nun jedoch eine neue Dynamik ab: Beide Seiten arbeiten wieder enger zusammen. Die Frage, ob das Vereinigte Königreich eines Tages wieder der EU beitreten könnte, wird zunehmend diskutiert.
Annäherung auf mehreren Ebenen
In den vergangenen Monaten haben sich die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien merklich verbessert. Regelmäßige Treffen auf Ministerebene, gemeinsame Projekte in den Bereichen Sicherheit und Klimaschutz sowie ein intensiverer Austausch in Handelsfragen sind Belege für diese Entwicklung. Ein EU-Diplomat, der namentlich nicht genannt werden möchte, betonte: „Das Vereinigte Königreich wird niemals irgendein Drittland für die EU sein. Die geografische Nähe, die gemeinsamen Werte und die engen wirtschaftlichen Verflechtungen machen eine enge Kooperation unvermeidlich.“
Wirtschaftliche Folgen des Brexits
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexits sind für beide Seiten spürbar. Britische Unternehmen klagen über erhöhte Bürokratie und Handelshemmnisse, während EU-Firmen mit neuen Zöllen und Lieferengpässen kämpfen. Laut einer Studie des Centre for European Reform lag das britische BIP im Jahr 2022 um rund 5,5 Prozent niedriger als ohne Brexit. Auch die EU verzeichnete Einbußen, wenn auch in geringerem Umfang. Diese Zahlen verdeutlichen, dass eine stärkere Annäherung im Interesse beider Partner liegt.
Politische Hürden für einen Wiedereintritt
Trotz der Annäherung bleibt ein Wiedereintritt Großbritanniens in die EU politisch höchst umstritten. In der britischen Konservativen Partei gilt die Brexit-Entscheidung als unumkehrbar, und auch in der Bevölkerung ist die Meinung gespalten. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vom März 2023 ergab, dass 45 Prozent der Briten einen Wiedereintritt befürworten, während 38 Prozent dagegen sind. Die hohen Hürden für einen Beitritt, darunter die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten und die Übernahme des EU-Rechts, machen einen schnellen Wiedereintritt unwahrscheinlich.
Zukunft der Beziehungen
Experten gehen davon aus, dass die EU und Großbritannien in den kommenden Jahren ihre Zusammenarbeit weiter vertiefen werden, ohne dass es zu einem formellen Wiedereintritt kommt. Ein Modell könnte eine maßgeschneiderte Partnerschaft sein, die über das bestehende Handels- und Kooperationsabkommen hinausgeht. Der EU-Kommissar für Nachbarschaft und Erweiterung, Olivér Várhelyi, erklärte kürzlich: „Wir sind bereit, kreative Lösungen zu finden, die den besonderen Gegebenheiten des Vereinigten Königreichs Rechnung tragen, ohne die Integrität des EU-Binnenmarkts zu gefährden.“
Fazit
Die Annäherung zwischen der EU und Großbritannien zeigt, dass der Brexit nicht das Ende der Beziehungen bedeutet, sondern den Beginn einer neuen, wenn auch komplexen Partnerschaft. Ein Wiedereintritt bleibt eine langfristige Möglichkeit, ist aber mit erheblichen politischen und rechtlichen Hürden verbunden. Für den Moment konzentrieren sich beide Seiten darauf, die praktische Zusammenarbeit zu verbessern und die wirtschaftlichen Schäden des Brexits zu mildern.



