In der Nacht zum Mittwoch ist ein historisches Abkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien in Kraft getreten, das die Grenzkontrollen zwischen Spanien und dem britischen Überseegebiet Gibraltar aufhebt. Damit endet eine fast 120-jährige Trennung durch einen Metallzaun und verpflichtende Kontrollen. Hunderte Menschen feierten an der Grenze mit spanischen und britischen Flaggen, als kurz nach Mitternacht erstmals Dutzende Passanten und Fahrzeuge ungehindert passieren konnten.
Ende einer jahrzehntelangen Tortur
Gibraltars Regierungschef Fabio Picardo erklärte: „Europa ist zurück.“ Der symbolträchtige, etwa einen Kilometer lange Metallzaun, der 1908 errichtet worden war, soll noch in dieser Woche abgebaut werden. Spanien hatte bereits mit dem Rückbau eines Checkpoints begonnen. Das Abkommen, das im Februar zwischen der EU und Großbritannien vereinbart wurde, sieht vor, dass Personen und Waren den Landübergang künftig ohne Kontrollen passieren können. Passkontrollen wird es nur noch am Hafen und Flughafen Gibraltars geben.
Besonders profitieren die mehr als 15.000 Grenzpendler, die täglich zwischen der spanischen Stadt La Línea de la Concepción und Gibraltar unterwegs sind. Sie mussten oft stundenlang warten. Eine spanische Arzthelferin, die seit 30 Jahren nach Gibraltar pendelt, sagte im spanischen Fernsehsender RTVE: „Ich musste schon mal drei, vier Stunden warten, an manchen Tagen sogar länger, bis zu sieben Stunden. Die Tortur hat endlich ein Ende.“
Brexit als Wegbereiter
Paradoxerweise ebnete der Brexit den Weg für das Abkommen. Obwohl sich beim Referendum 2016 rund 96 Prozent der 34.000 Einwohner Gibraltars für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatten, musste das Gebiet die Union gemeinsam mit Großbritannien verlassen. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich die Beteiligten auf einen Kompromiss, der den Grenzverkehr erleichtert, ohne den Souveränitätsstreit zu lösen. Spanien betrachtet Gibraltar weiterhin als „Kolonie“ und illegal besetztes Gebiet.
Eine Sprecherin des britischen Premierministers Keir Starmer betonte: „Das Abkommen sichert langfristig den Personen- und Warenverkehr über die Grenze, während es die Souveränität des Vereinigten Königreichs und Gibraltars verfassungsrechtliche Position schützt.“
Historischer Hintergrund
Das nur 6,5 Quadratkilometer große Gebiet – etwa so groß wie die ostfriesische Insel Baltrum – ist bekannt für seine frei lebenden Berberaffen und den Felsen Rock of Gibraltar. Die Territorialfrage sorgt seit mehr als drei Jahrhunderten für Streit zwischen Madrid und London. Gibraltar wurde 1704 von Großbritannien in Besitz genommen und 1713 von Spanien im Rahmen des „Friedens von Utrecht“ abgetreten.



