Die Hitzewelle in Frankreich hat diese Woche extreme Ausmaße angenommen: An der Atlantikküste wurden am Dienstag 44,3 Grad gemessen, in Paris knackte das Thermometer die 40-Grad-Marke. Die Folgen sind dramatisch: Schüler und Lehrer brechen zusammen, ein dreijähriger Junge stirbt in einem überhitzten Auto, und die Lager der Baumärkte sind leer gefegt – Ventilatoren und Klimageräte sind in der gesamten Hauptstadtregion ausverkauft.
Paris ohne Ventilatoren: „Ein Backofen, man kann kaum atmen“
In Vanves südlich von Paris schläft der Toningenieur Raphaël seit vier Nächten auf einer Matratze im Keller – bei knapp unter 20 Grad, während seine Wohnung fast 32 Grad aufweist. „Man darf keine Angst vor Spinnen haben“, zitiert ihn FranceInfo. Viele Franzosen weichen in Keller, Tiefgaragen oder kühle Parkbereiche aus. Eine Schulleiterin sagte der Zeitung „Le Monde“: „Die gesamte Hauptstadtregion hat keine Ventilatoren mehr auf Lager.“ Die Nachlieferung wird erst nächste Woche erwartet – wenn die Temperaturen bereits gesunken sind.
Steigende Sterblichkeit und überlastete Rettungsdienste
Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire meldete eine gestiegene Sterblichkeit in der Stadt. „Alle Indikatoren stehen schlecht: die Notrufe, die Feuerwehreinsätze, die Krankenhausaufnahmen, die Todesfälle“, warnte er. Besonders besorgt zeigte er sich über unverantwortliches Verhalten: „Gestern Abend um 19:30 Uhr sah ich rund hundert Jogger. Ehrlich gesagt: Das ist unverantwortlich.“ In den schlecht gedämmten Sozialbausiedlungen der Pariser Vorstädte ist die Situation besonders prekär. Eine Bewohnerin berichtet: „Es ist unmöglich zu schlafen, selbst wenn der Ventilator läuft.“
Schulen: Prüfungen bei 38 Grad – Zusammenbrüche von Schülern und Lehrern
Viele Schulen haben Prüfungen verschoben, jedoch nicht das Lycée Georges-Clémenceau in Villemomble. Um 9:45 Uhr zeigte das Thermometer in einem Vorbereitungsraum für mündliche Prüfungen 33,5 Grad. Der 17-jährige Semy klagte über Gedächtnislücken: „Ich konnte mich nicht konzentrieren, ich hörte immer wieder auf und trank.“ Am Nachmittag stieg die Temperatur auf 38 Grad, eine Schülerin brach zusammen und musste in ein Krankenzimmer gebracht werden. Kurz darauf lag auch ein Lehrer auf dem Untersuchungsbett.
Dreijähriger stirbt in überhitztem Auto – Busfahrer wird ohnmächtig
In Saint-Gratien nahe Paris starb am Mittwoch ein dreijähriger Junge, nachdem er sich in das Auto der Familie eingeschlossen hatte. Die Eltern hatten eine Siesta eingelegt; der Vater arbeitete im Gartenschuppen. Das Kind stieg unbemerkt in den Wagen, die Türen fielen ins Schloss, die Kindersicherung verhinderte das Öffnen. Die Eltern fanden das Kind leblos, die Mutter wurde unter Schock ins Krankenhaus gebracht. Die Behörden leiteten eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung ein. Zudem wurde ein Busfahrer in Paris während der Fahrt ohnmächtig und krachte gegen einen Baum.
Stromversorgung und Verkehr: EDF drosselt Atomkraftwerke
Die Hitzewelle trifft auch die Stromversorgung: Der Energiekonzern EDF musste die Leistung von vier Atomreaktoren drosseln, da das Kühlwasser in den Flüssen zu warm wurde. Die Produktion wurde um etwa sieben Prozent der gesamten französischen Stromnachfrage reduziert. Die Spotmarktpreise stiegen in Frankreich und Deutschland auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Die Bahn stellte in mehreren Regionen den Regionalverkehr tagsüber ein, um die Gleisanlagen zu schonen.
Anpassung an das „strukturelle Phänomen“ Hitze
Bürgermeister Grégoire, der die grüne Transformation von Paris vorantreibt, betont: „Wir müssen aufhören, Hitzewellen als seltene Ausnahmen zu betrachten – sie sind ein strukturelles Phänomen.“ Paris habe bereits tausende Parkplätze entsiegelt, über 100.000 Bäume gepflanzt und den Autoverkehr reduziert. Wäre die Stadt noch wie vor zehn bis fünfzehn Jahren aufgebaut, wäre die gefühlte Temperatur laut Studien drei bis sechs Grad höher. Dennoch bleiben Zinkdächer und die Haussmann-Architektur problematisch. Grégoire fordert angepasste Lebensrhythmen: früher beginnen, lange Mittagspause, später enden. „Unser Klima wird eines Tages jenem von Sevilla ähneln.“
Humor trotz Hitze: Spiegelei auf dem Balkon
Trotz der ernsten Lage nehmen viele Franzosen die Hitzewelle mit Humor. Auf Instagram braten Nutzer Spiegeleier oder Steaks auf dem heißen Balkon. Ein Comedian sagte: „Heute gibt es Heatwave Ribeye.“ Ein Kommentar: „Wenn ich 20 Minuten in der Sonne bleibe, bin selbst ich gut durchgebraten.“



