Die Ukraine Recovery Conference (URC) in Danzig startet unter dem Schatten eines erbitterten Geschichtsstreits zwischen Warschau und Kiew. Internationale Geber beraten ab heute über den Wiederaufbau der von Russland angegriffenen Ukraine. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lässt sich von Regierungschefin Julia Swyrydenko vertreten. Co-Gastgeber auf polnischer Seite ist Ministerpräsident Donald Tusk, der der Ukraine trotz der Spannungen Unterstützung zusagte. Für Deutschland reist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach Danzig (Gdansk). Tusk und Merz hatten sich erst wenige Stunden zuvor beim Treffen von fünf großen europäischen Staaten (E5) am Mittwochabend in Berlin gesehen.
Milliardenschäden durch russische Angriffe
Im Zentrum der Konferenz steht die Reparatur der durch den Krieg verursachten Schäden an der ukrainischen Infrastruktur sowie die Planung des künftigen Wiederaufbaus. Russland hat wiederholt Kraftwerke und Energienetze der Ukraine bombardiert. Im vergangenen Winter waren Millionen Menschen in Kiew wochenlang ohne Heizung und hatten kaum Strom. Unzählige Wohnhäuser und Betriebe sind beschädigt oder zerstört. Ein gemeinsamer Bericht der Weltbank, der ukrainischen Regierung und der EU beziffert die Zerstörungen nach vier Jahren Krieg seit 2022 auf 195 Milliarden US-Dollar (171 Milliarden Euro). Die wirtschaftlichen und sozialen Schäden und Ausfälle werden auf 666 Milliarden Dollar geschätzt. Für den Wiederaufbau seien in den kommenden zehn Jahren 587 Milliarden US-Dollar nötig, so der Bericht.
Tusk bemüht sich um Deeskalation
Tusk sprach vor der zweitägigen Konferenz von 200 Verträgen im Milliardenwert für den Wiederaufbau. Am Vorabend in Berlin sicherte er der Ukraine ungeachtet des aktuellen Geschichtsstreits anhaltende Unterstützung zu. „Trotz der Emotionen stehen wir für die Ukraine in deren Konfrontation mit Russland ein“, sagte er. Der liberale Ministerpräsident bemüht sich seit Tagen, den Streit mit Kiew zu beruhigen, während der rechtskonservative Präsident Karol Nawrocki ihn verschärft hat: Er hat Selenskyj einen hohen polnischen Orden aberkannt. Ausgelöst wurde der Streit von Selenskyj selbst, der eine Armee-Einheit nach ukrainischen Untergrundkämpfern des Zweiten Weltkriegs benannte, die für Massaker an Zehntausenden Polen und Juden verantwortlich waren. In Polen rief dieser Schritt große Empörung hervor. Der Geschichtsstreit droht auch andere Bereiche der strategisch wichtigen Kooperation zwischen der Ukraine und Polen zu beeinträchtigen.
Hilfen für Lwiw als positives Beispiel
Ein Beispiel für konkrete Hilfen nannte der Bürgermeister der westukrainischen Metropole Lwiw, Andryj Sadowyj, in Danzig. „Wir haben 2,5 Millionen Euro an Unterstützung für Lwiw erhalten und sechs Verträge mit ausländischen Partnern abgeschlossen“, teilte er auf der Plattform X mit. Die Vereinbarungen wurden mit Akteuren aus Litauen, Deutschland, Tschechien, Schweden und Frankreich geschlossen. Sadowyj betonte das gute Verhältnis zu Polen: „Entgegen allem, was man uns in letzter Zeit in der Öffentlichkeit aufzuzwingen versucht, empfängt uns Polen herzlich.“



