Starmer gibt auf: Rücktritt nach monatelanger Regierungskrise
Der britische Premierminister Keir Starmer hat am heutigen Dienstag seinen Rücktritt als Parteichef der Labour-Partei und damit faktisch auch als Premierminister erklärt. Vor seinem Amtssitz in der Downing Street Nummer 10 in London gab der 63-Jährige die Entscheidung bekannt, die er zuvor König Charles III. mitgeteilt hatte. Seine Stimme brach, als er über seine Frau Victoria und seine Kinder sprach. „Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen“, sagte Starmer. „Meine Partei hat gesprochen, und dem will ich Gehör schenken. Aus diesem Grund werde ich als Parteichef der Labour-Partei zurücktreten.“
Nachfolger Andy Burnham bereit
Unmittelbar nach der Ankündigung gab Andy Burnham, der frühere Bürgermeister von Greater Manchester, seine Kandidatur für den Parteivorsitz bekannt. Burnham hatte erst vor wenigen Tagen bei der Nachwahl im Wahlkreis Makerfield einen Sitz im Unterhaus errungen, eine notwendige Voraussetzung, um Starmer herauszufordern. Der 56-Jährige machte sich am Vormittag mit dem Zug auf den Weg nach Westminster. „Starmer hat dem Land einen gewaltigen Dienst erwiesen“, sagte Burnham bei der Vorstellung seiner Kandidatur. „Die Priorität muss nun sein, das Land voranzubringen. Die Menschen wollen Fortschritt beim Wirtschaftswachstum, den Lebenshaltungskosten, staatlichen Leistungen, Wohnungen und den Chancen für die kommende Generation sehen.“
Wes Streeting, der als Gesundheitsminister zurückgetreten war und ebenfalls als potenzieller Herausforderer galt, sicherte Burnham seine Unterstützung zu. Sollte Burnham der einzige Kandidat bleiben, könnte die Übergabe der Amtsgeschäfte als Parteichef aufgrund des großen Rückhalts in der Partei bis etwa zum 18. Juli abgeschlossen sein, wie die Nachrichtenagentur PA meldete. Die formelle Ernennung zum Premierminister erfolgt dann durch den König. Der gesamte Nachfolgeprozess soll bis zum Ende der Sommerpause des Parlaments am 1. September abgeschlossen sein.
Druck aus den eigenen Reihen
Starmer war seit Monaten massiv unter Druck aus der eigenen Fraktion. Nach einer schweren Niederlage bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai, bei der die rechtspopulistische Partei Reform UK etliche Mandate gewann, hatten viele Labour-Abgeordnete seinen Rücktritt gefordert. Mehrere Minister traten zurück, die Umfragewerte für Labour sind desolat. Starmer hielt zunächst mit Verweis auf seinen Wahlsieg von 2024 an seinem Amt fest, doch während des Wochenendes auf seinem Landsitz Chequers änderte er seine Meinung. Mit seiner Rücktrittsankündigung kam er einer möglichen Demontage durch eine parteiinterne Führungswahl zuvor.
Hintergrund der Krise
Der Druck auf Starmer war bereits zu Jahresbeginn extrem hoch, insbesondere wegen der Berufung von Peter Mandelson zum britischen Botschafter in den USA Anfang 2025. Details zu Mandelsons enger Freundschaft zum verstorbenen US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein waren an die Öffentlichkeit gelangt, und es stellte sich die Frage, wie viel Starmer vor der Berufung davon wusste. Der Premier wies jegliche Vorwürfe zurück. Starmer und Labour hatten im Sommer 2024 einen großen Wahlsieg errungen und waren mit einer satten Mehrheit im Unterhaus in die Legislaturperiode gegangen. Doch etliche Gesetzesvorhaben scheiterten am Widerstand aus den eigenen Reihen. Seit Monaten liegt Labour in Umfragen hinter Reform UK, die nun erneut vom Chaos in der Downing Street profitieren könnte.
Burnham: Vom Bürgermeister zum Premier?
Burnham, in seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester zum charismatischen Liebling des moderat-linken Parteiflügels geworden, wird von britischen Medien in Anspielung an die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ als „König des Nordens“ bezeichnet. Seit langem gilt er als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Starmers. Ohne Parlamentsmandat waren ihm bislang die Hände gebunden – einen früheren Versuch, nach Westminster zurückzukehren, hatte die Labour-Führung im Februar noch verhindert. Nun könnte er der siebte Premierminister innerhalb von zehn Jahren werden, was die politische Instabilität seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren widerspiegelt.



