Im Jahr 2026 könnte sich ein außergewöhnlich starker El Niño entwickeln, der als „Super-El-Niño“ oder „Mega-El-Niño“ bezeichnet wird. Klimaforscher warnen vor möglichen globalen Wetterextremen und ordnen die Folgen für Deutschland ein. Das natürliche Klimaphänomen entsteht im tropischen Pazifik und beeinflusst weltweit Niederschläge und Temperaturen.
Was ist El Niño und wie entsteht er?
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das sich im Pazifik vor der Westküste Südamerikas entwickelt und bereits peruanischen Fischern im 19. Jahrhundert bekannt war. Da es fast immer um die Weihnachtszeit auftrat, erhielt es den Namen „El Niño“ – Spanisch für „der Junge“ oder „das Christkind“. Beim El Niño gerät der Austausch zwischen Ozean und Atmosphäre aus dem Gleichgewicht: Die tropischen Passatwinde schwächen sich deutlich ab oder setzen zeitweise aus. Dadurch strömt das zuvor im westlichen Pazifik angestaute warme Oberflächenwasser zurück nach Südamerika und verursacht dort starke Niederschläge und Überschwemmungen. Gleichzeitig ziehen sich Fischbestände in kühlere Gewässer zurück. Dieses Muster beobachteten Fischer bereits vor Jahrhunderten.
Heute ist bekannt, dass die Folgen weit über den tropischen Pazifik hinausreichen. Während an der Westküste Südamerikas heftige Regenfälle auftreten, steigt auf der gegenüberliegenden Seite des Pazifiks die Gefahr von Hitzewellen, Dürren und Waldbränden. Besonders ausgeprägte El-Niño-Ereignisse beeinflussen das Klima in Indien, Südafrika und Australien, wo sie häufig mit lang anhaltenden Trockenperioden verbunden sind. Neben einer neutralen Phase gehört auch La Niña zum natürlichen Wechselspiel: Bei dieser Klimaanomalie kühlen die Oberflächengewässer im tropischen Pazifik ab, die Passatwinde verstärken sich und die Tiefdrucktätigkeit intensiviert sich, wie der Deutsche Wetterdienst erläutert.
Wie realistisch ist ein „Super-El-Niño“ in 2026/27?
„Wir hatten bisher drei Super-El-Niños: 1982, 1997 und 2015“, erklärt Daniela Matei, Klimaforscherin am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. „Dadurch, dass sich die Meeresoberfläche stark erhitzt, entwickeln sich Hurrikans näher am Äquator und haben einen längeren Weg über den Ozean.“ Tropische Stürme gewinnen ihre Energie aus warmem Wasser – je länger sie darüber bleiben, desto stärker werden sie. Laut der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA (NOAA) wird ein El-Niño-Ereignis in diesem Jahr wahrscheinlicher. Während eines normalen El Niño liegen die Oberflächentemperaturen des Meeres im betroffenen Pazifikgebiet etwa ein Grad Celsius über den langjährigen Mittelwerten. Bei besonders starken Ereignissen kann die Erwärmung auf zwei Grad oder mehr ansteigen.
Nach Angaben von Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig bewegen sich die Meeresoberflächentemperaturen seit Mitte März auf dem Rekordniveau des Jahres 2024. In einem Briefing des Science Media Centers erklärte er, dass sich im Jahr 2026 erneut ein außergewöhnlich starker El Niño entwickeln könnte. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, wird der Höhepunkt des Klimaphänomens voraussichtlich wieder zur Weihnachtszeit erreicht.
Welchen Einfluss hat El Niño auf das Wetter in Europa?
Wie stark sich El Niño tatsächlich entwickeln wird, dürfte sich erst im Verlauf des Sommers zuverlässiger abschätzen lassen. Welche Auswirkungen das Phänomen auf das Wetter in Europa hat, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Der Klimawissenschaftler Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie erklärte gegenüber der „Tagesschau“, dass derzeit keine klaren Hinweise auf einen entsprechenden Einfluss erkennbar seien. Der Nordatlantik, der als maßgeblicher Motor für das europäische Wetter gilt, verhalte sich gegenwärtig weitgehend im normalen Bereich.
Johanna Baehr, Leiterin der Forschungsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde, bewertet die Situation differenzierter. Ihrer Einschätzung nach stellt ein El-Niño-Ereignis für Europa lediglich einen von mehreren klimatischen Einflussfaktoren dar. Die möglichen Wirkmechanismen seien bislang vor allem für die Wintermonate untersucht worden. Für die Entwicklung der Sommertemperaturen in Europa könnten dagegen die derzeit außergewöhnlich hohen Wassertemperaturen im Nordatlantik eine größere Bedeutung besitzen. Nach ihren Angaben ähneln die dort entstehenden Muster teilweise bekannten Vorläufern ausgeprägter Hitzewellen.



