Die Welt ist im ersten Halbjahr 2025 von den ganz großen Naturkatastrophen weitgehend verschont geblieben. Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und andere Ereignisse richteten nach Angaben der Versicherungsbranche geringere Schäden an als in den vergangenen Jahren. Doch das ist nach Einschätzung des Rückversicherers Munich Re hauptsächlich Zufall – keine Entwarnung vor den Folgen steigender Temperaturen auf dem Planeten.
Schäden unter dem Durchschnitt
Der Münchner Dax-Konzern bezifferte die von Januar bis Juni verursachten weltweiten Gesamtschäden auf etwa 112 Milliarden Dollar (97,8 Milliarden Euro). Davon waren nur 44 Milliarden Dollar versichert. Das lag deutlich unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre von 66 Milliarden Dollar versicherter Schäden. Allerdings fallen die jüngsten Taifune in Ostasien und die Waldbrände im Süden Europas nicht mehr in das erste Halbjahr und tauchen daher in dieser Bilanz noch nicht auf.
„Es waren eher günstige Umstände, die dazu geführt haben, dass nicht höhere Schäden verursacht wurden“, sagte Tobias Grimm, der Chef-Geowissenschaftler von Munich Re. Die Hälfte der versicherten Schäden entfiel allein auf schwere Unwetter in den USA, wo traditionell hohe Schäden anfallen. „Wir hatten teilweise deutlich mehr solch schwerer Unwetterzellen, es gab auch deutlich überdurchschnittlich viele Tornados“, so Grimm. „Aber diese trafen Gebiete, in denen es wenig versicherte Werte und damit geringe Sachschäden gab.“
Zerstörerischste Katastrophe: Erdbeben in Venezuela
Die zerstörerischste Naturkatastrophe des ersten Halbjahres war das Doppel-Erdbeben in Venezuela am 24. Juni mit mehreren tausend Toten. Nach ersten Schätzungen könnte sich der Gesamtschaden auf etwa 30 Milliarden Dollar summieren, davon aber weniger als einer Milliarde versichert. Die Munich Re beobachtet und dokumentiert seit den 1970er Jahren die globalen Naturkatastrophen, um die Risiken durch Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben und andere Ereignisse berechnen zu können.
Hitzewellen als stille Gefahr
„Das stärkste Klimasignal im ersten Halbjahr war extreme Hitze“, sagte Wissenschaftler Grimm. Bei Hitzewellen ist der Zusammenhang zum Klimawandel demnach sehr gut belegt. In Deutschland gab es in den 1950er Jahren im Schnitt jährlich drei bis vier Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad. „Heute sind wir im Schnitt bei etwa 13 Hitzetagen pro Jahr.“ Hitze sei eine „stille Gefahr, weil sie nicht so sichtbar ist und keine Bilder enormer Zerstörung hinterlässt“, so der Geograf und Meteorologe. „Aber die Auswirkungen sind nicht minder schlimm als bei anderen Wetterereignissen.“ Schäden entstehen durch sinkende Produktivität, Produktionsausfälle, Infrastrukturschäden, Transportunterbrechungen und Ernteausfälle.
Europa besonders betroffen
Europa ist von der Erwärmung besonders stark betroffen. Die weltweiten Durchschnittstemperaturen liegen heute im Schnitt 1,4 Grad höher als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „In Deutschland und Europa ist es im Schnitt etwa 3 Grad wärmer geworden“, sagte Grimm. Ursache ist die relativ nördliche Lage des Kontinents, die bis in die Arktis hinaufreicht. „Die polaren Regionen erwärmen sich deutlich schneller und stärker als äquatoriale Regionen in den Tropen.“
Ausblick: 2026 und 2027 wahrscheinlich besonders warm
Dass 2026 kühler werden könnte, ist nach Einschätzung des Wissenschaftlers nicht zu erwarten. „Es gibt viele Anzeichen dafür, dass 2026 und vor allem das nächste Jahr besonders warme Jahre sein werden.“ Das liegt unter anderem am Klimaphänomen El Niño, der zyklischen Erwärmung der Meerestemperaturen im Pazifik. Unter anderem drohen in Australien, Mittelamerika und im Südwesten Afrikas vermehrte Trockenheit und Waldbrände. Im Nordatlantik könnte es zwar weniger Hurrikane geben, dafür aber höhere Taifun-Aktivität im Nordpazifik. „Im Pazifik formieren sich die Taifune während El-Niño-Jahren etwas häufiger weiter östlich, im zentralen Pazifik“, erklärte Grimm. Daher legen die Wirbelstürme einen längeren Weg zurück und können Japan und Korea häufiger erreichen.



