Klimawandel: Frankreich überdenkt Klimaanlagen-Tabu
Hitze zwingt Frankreich zum Umdenken bei Klimaanlagen

In Frankreich werden die aktuellen Hitzewellen zum Politikum. Vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr rückt der Klimawandel wieder in den Vordergrund. Dabei sind Klimaanlagen, lange Jahre regelrecht verteufelt, kein Tabu mehr – auch bei den französischen Grünen nicht.

Regierung plant schnelle Ausstattung öffentlicher Gebäude

Die Regierung plant derzeit, öffentliche Einrichtungen zügig mit Klimaanlagen auszustatten. Regierungssprecherin Maud Bregeon sagte dazu: „Wir unterstützen Klimatisierung, wo immer sie notwendig ist. Ich sage lediglich, dass sie nicht die einzige Antwort sein kann.“ Bislang hatte Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron eher auf bessere Dämmung gesetzt und dazu strenge Gesetze im Wohnungsbau eingeführt. Doch alle Gebäude gut zu isolieren, ist nicht nur zeitintensiv, sondern auch teuer. Derweil bleibt den Franzosen nichts anderes übrig, als sich gegen die Hitze vor allem mit geschlossenen Fensterläden zu schützen.

Schulen und Krankenhäuser besonders betroffen

Da bislang nur sieben Prozent der Schulgebäude klimatisiert sind, mussten bei der vergangenen Hitzewelle im Juni viele Schüler zu Hause bleiben. Es war einfach zu heiß. Auch in vielen Altenheimen gibt es nur einen gekühlten Raum, während die Temperatur in den einzelnen Zimmern nicht gesenkt werden kann. In Operationssälen fehlen Klimaanlagen oft ganz.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Regierung steht unter Handlungsdruck, denn andere politische Parteien preschen beim Thema Klimaanlagen voran. Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National setzt sich seit einem Jahr für einen umfassenden Klimaplan ein: „Wir dürfen ältere Menschen in Pflegeheimen, Kinder in Schulen und Kranke in Krankenhäusern nicht ihrem Schicksal überlassen“, erklärte die Fraktionsvorsitzende. Auch die linke „La France Insoumise“ fordert die Installation von Klimaanlagen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schulen. Selbst die Grünen, einst entschiedene Gegner von Klimaanlagen, erkennen inzwischen an, dass sie bei Hitzewellen notwendig sind – obwohl sie die Stadt weiter aufheizen.

Paris rüstet Schulen mit Klimaanlagen aus

Der sozialistische Bürgermeister von Paris, Emmanuel Grégoire, hat es nun eilig. Nach der vergangenen Hitzewelle bestellte er 1200 Klimaanlagen für die Pariser Schulen. Während die Politiker noch diskutieren, sind viele Franzosen privat schon weiter. Nach zwei Hitzewellen vor dem eigentlichen Sommer sind mobile Klimaanlagen überall ausverkauft. Viele Geschäfte wurden regelrecht gestürmt, auch online können die begehrten Objekte kaum noch bezogen werden.

Anstieg der fest installierten Klimaanlagen

Erst zwei Drittel der Bürogebäude und ein Viertel der Privathaushalte sind bisher mit Klimaanlagen ausgestattet. Nach Angaben der nationalen Agentur für den ökologischen Wandel (Ademe) ist bei den fest installierten Klimaanlagen ein rasanter Anstieg zu verzeichnen: Waren es im Jahr 2023 noch 18 Prozent der Privathaushalte, die darüber verfügten, waren es 2025 schon 24 Prozent. Eine Ipsos-Studie zeigt jedoch: 78 Prozent der Franzosen bewerten Klimaanlagen als umweltschädlich, da sie den Klimawandel verstärken.

Süden besser versorgt als Norden

Während der Süden des Landes wie die Nachbarländer Spanien und Italien gut mit Klimageräten versorgt ist, sind sie im Norden Frankreichs und der Hauptstadt Paris noch selten. Im Süden wird mit den Klimageräten im Winter auch geheizt. Da es in Paris an Klimaanlagen mangelt, flohen in den vergangenen Hitzewochen viele Großstädter aus der Stadt. Denn vielerorts erreichten die Temperaturen in den Wohnungen die Marke von 35 Grad.

Historische Gebäude und strenge Auflagen

In Paris waren bislang Klimaanlagen vielfach verboten, um das Stadtbild der alten Häuser nicht zu zerstören. Die Pariser Stadtplanungsvorschriften untersagen jegliche Veränderung an den Fassaden der historischen Gebäude im Stadtzentrum. Um eine Veränderung an Fassaden vorzunehmen, braucht man grundsätzlich in Frankreich eine Genehmigung des Bauamtes – und das hat einen gewissen Ermessensspielraum, den es bislang oft zuungunsten der Eigentümer nutzte. Zudem muss die Eigentümergemeinschaft zustimmen, wenn eine Klimaanlage installiert wird. Ein Dekret regelt zusätzlich, dass Klimaanlagen, die mit einem Außensystem funktionieren, auf dem öffentlichen Grund der Stadt verboten sind.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die bisherige Haltung der Franzosen zum Thema Klimaanlage sowie die bestehenden Gesetze zeigen: Lange Zeit wurden Klimaanlagen als nicht notwendig und schädlich eingestuft. Doch ein Wandel ist spürbar. Vielen gelten die Geräte nicht mehr als Luxus, sondern als schlichte Notwendigkeit.