Die Unternehmensberatungsbranche in Deutschland wächst im Jahr 2026 voraussichtlich um 4,5 Prozent auf 51,5 Milliarden Euro, wie eine Umfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) ergab. Doch der wirtschaftliche Druck nimmt zu, und Künstliche Intelligenz (KI) verändert das klassische Geschäftsmodell radikal. Vorreiter testen bereits neue Ansätze, darunter digitale Avatare von Beratern und erfolgsbasierte Vergütungsmodelle.
Digitaler Zwilling als Trendsetter
Florian Langer, Partner bei MHP in Ludwigsburg, hat einen digitalen Zwilling von sich selbst erschaffen lassen. Der Avatar wurde mit seinem Fachwissen trainiert und kann Unternehmen bei spontanen Fragen beraten – ohne Terminabstimmung. „Digitale Experten, die für bestimmte Themen wie Strategie, Technologie oder Markenführung stehen, könnten in Zukunft mit vom Kunden eingekauft werden“, sagt Langer. Er sieht sich als Trendsetter, auch wenn dieser Ansatz angesichts der Exklusivität mancher Berater ungewöhnlich ist. „Niemand kann uns sagen, wie unser eigenes Geschäftsmodell in fünf Jahren aussehen wird. Aber wenn wir heute nicht Dinge ausprobieren, dann können wir morgen nicht mitbestimmen – es ist ein Stück weit eine Flucht nach vorne.“
Wachsender Druck durch KI
Die Branche verzeichnete jahrzehntelang stabiles Wachstum, doch KI setzt das traditionelle Modell „Wissen und Zeit gegen Geld“ unter Druck. „Unternehmensberatungen müssen vor dem Hintergrund des Technologiewandels überlegen, ob sie Transformationsagent oder -opfer sein wollen“, sagt Iris Grewe, BDU-Präsidentin und Deutschlandchefin von Bearingpoint. Viele Beratungsfirmen stellen sich daher neu auf. KI ermöglicht es Kunden, Aufgaben selbst zu erledigen, was den Druck auf Honorare erhöht. „Der Kunde wird ein Stück weit cleverer“, beobachtet Thomas Deelmann, Professor an der Hochschule für Polizei und Verwaltung.
Neue Positionierung und Konsolidierung
Die Beratungen suchen nach der passenden Positionierung. „Wir müssen ein Stück weit besser werden, unser Wissen über Unternehmen und Themen mit IT-Know-how anzureichern“, sagt Marc Fuchs, Leiter des Geschäfts der finnischen Beratung Gofore in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gofore hat in Deutschland bereits drei Beratungen übernommen, um Zugang zu Kunden und deren IT-Welten zu erhalten. „Wir kaufen uns den Zugang zu Kunden und deren IT- und Prozesswelten. Das hilft uns, die Zeiten beim Geschäftsaufbau zu verkürzen“, so Fuchs.
KI-Betriebssystem und alternative Bezahlmodelle
MHP hat mit Decision OS ein KI-Betriebssystem entwickelt, das Strategie- und Verhandlungsgespräche in Minuten simuliert. Langer betont: „Wir haben jetzt eher die Chance, den Kunden zu befähigen.“ Auch alternative Bezahlmodelle gewinnen an Bedeutung. Oliver Wyman vermarktet seit zwei Jahren die KI-Plattform Quotient. Traditionell wird nach „Time and Material“ abgerechnet, doch bei KI-Agenten muss umgedacht werden. McKinsey-Spitzenmanager Fabian Billing sagte kürzlich, dass rund 40 Prozent aller Projekte bereits eine leistungsbezogene Vergütungskomponente enthielten. BDU-Präsidentin Grewe erwartet, dass sich „trotz bisher uneinheitlicher kundenseitiger Nachfrage ergebnis- und erfolgsbasierte Modelle auf längere Sicht durchsetzen“ werden. Experte Deelmann warnt jedoch: „Es ist in vielen Projekten extrem schwer für die Kunden, den exakten Wertbeitrag eines Beratungsunternehmens zu messen.“



