Fast acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke in Genua sind die Urteile im ersten Instanzprozess gefallen. Das Gericht verhängte hohe Haftstrafen gegen 57 Angeklagte, darunter Manager und Funktionäre. Der ehemalige Geschäftsführer der italienischen Autobahngesellschaft Aspi (Autostrade per l’Italia), Giovanni Castellucci, wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Genua hatte 18 Jahre gefordert.
Castellucci bereits in Haft: Sechs Jahre wegen Busunglücks
Der 66-jährige Castellucci sitzt bereits in Mailand eine sechsjährige Haftstrafe wegen eines Busunglücks auf der Autobahn A16 in der süditalienischen Provinz Avellino im Jahr 2013 ab, bei dem 40 Menschen starben. Ihm wird vorgeworfen, die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler Nummer 9 verschoben zu haben. Seine Anwälte erklärten, Castellucci werde zum „Sündenbock“ gemacht. „Castellucci wurde ohne Schuld verurteilt. Seine einzige Schuld besteht darin, unschuldig zu sein“, sagte sein Anwalt Giovanni Paolo. Die Verteidigung werde den Kampf für seine Unschuld fortsetzen und Berufung einlegen.
Weitere Urteile und Forderungen der Staatsanwaltschaft
Die ehemaligen Nummern 2 und 3 des Autobahnbetreibers Aspi wurden zu fünf Jahren und sechs Monaten beziehungsweise elf Jahren verurteilt. Ein hoher Funktionär des italienischen Verkehrsministeriums, der für die Aufsicht der Autobahnen zuständig war, erhielt fünf Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte für alle 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis gefordert – wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung. Der Großteil der Angeklagten erschien nicht vor Gericht.
Opferangehörige kritisieren fehlende Schuldeingeständnisse
Eine Vertreterin der Opferangehörigen kritisierte das vollständige Fehlen von Schuldeingeständnissen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig; es wird erwartet, dass die Verurteilten Einspruch einlegen. Das Verfahren hatte vier Jahre gedauert und umfasste 283 Anhörungen.
Ursache des Einsturzes: Verzögerte Verstärkung oder Konstruktionsfehler?
Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hätte der Einsturz verhindert werden können, wenn die geplante Verstärkung von Pfeiler 9 nicht verzögert worden wäre. Die Verteidigung macht dagegen einen Konstruktionsfehler der Brücke verantwortlich. Dieser habe Korrosion begünstigt, die wegen eines verborgenen Mangels an den Tragseilen nicht erkannt werden konnte. Die riesigen Spannseile hätten einen verdeckten Defekt aufgewiesen, der mit den damaligen Mitteln nicht feststellbar gewesen sei. Die Staatsanwälte wiesen darauf hin, dass der Konstrukteur Riccardo Morandi selbst regelmäßige und gezielte Überprüfungen empfohlen habe. Wären diese ordnungsgemäß durchgeführt worden, hätten sie die mangelnde Sicherheit aufgezeigt.
Reaktionen aus der Politik
Der italienische Verkehrsminister Matteo Salvini begrüßte das Urteil. „Eine Katastrophe dieser Art darf nicht ungestraft bleiben“, sagte Salvini, der auch Vizeregierungschef in der Regierung Meloni ist.
Die Katastrophe: 43 Tote und ein Überlebender
Am 14. August 2018 stürzte die Morandi-Autobahnbrücke in Genua ein. 43 Menschen verloren ihr Leben. Gianluca Ardini, damals 29 Jahre alt, überlebte den Sturz aus 40 Metern Höhe schwer verletzt. Er hielt sich fast vier Stunden in den Trümmern fest und rief den Feuerwehrleuten zu: „Helft mir, ich werde bald Vater. Ich möchte meinen Sohn zur Welt kommen sehen.“



