Schwere Erdbeben in Venezuela: Mindestens 188 Tote, Tausende befürchtet
Erdbeben in Venezuela: 188 Tote, Tausende befürchtet

Bei den verheerenden Erdbeben in Venezuela sind nach vorläufigen offiziellen Angaben mindestens 188 Menschen ums Leben gekommen. Zudem gibt es 1520 Verletzte und 200 Verschüttete. Die US-Erdbebenwarte USGS befürchtet weitaus höhere Opferzahlen. Einer Modellrechnung der Behörde zufolge könnte die Zahl der Toten in die Tausende gehen; eine Zahl von mehr als 10.000 Toten sei wahrscheinlich.

Seismologe warnt vor Nachbeben

„Es würde mich nicht wundern, wenn wir nicht schon bei Tausenden oder vielleicht sogar bei Zehntausenden liegen“, sagte Jeffrey Park, Seismologe an der Universität Yale, dem Sender CNN. „Ich habe Videos von komplett in sich zusammenfallenden Wohnhäusern gesehen.“ Park warnt, es werde noch wochenlang zu Nachbeben kommen, die teils eine Stärke zwischen 6,0 und 6,5 erreichen könnten.

Die Rettungsteams kämpfen gegen die Zeit, um nach den verheerenden Erdbeben Überlebende aus den Trümmern zu retten. Dutzende Menschen sind bereits lebend geborgen worden, darunter zwei verletzte Kleinkinder im Bundesstaat La Guaira, deren Mutter noch vermisst wird, wie Fernsehsender berichteten. Die erfolgreichen Bergungen lösen an vielen Orten Beifall bei den Nachbarn und Angehörigen aus, wie Fernsehbilder zeigten.

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Zahlreiche Gebäude eingestürzt

Allein im schwer betroffenen La Guaira an der Karibikküste sind nach Berichten des TV-Senders Globovisión mindestens 42 mehrstöckige Gebäude eingestürzt, in der Hauptstadt Caracas rund zehn weitere. Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Privatsektor dazu auf, der Regierung die für die Rettungsarbeiten dringend benötigten Bagger zu vermieten. Such- und Rettungsteams aus dem Ausland seien zudem bereits auf dem Weg nach Venezuela, um sich an der Suche nach Verschütteten zu beteiligen, sagte sie.

Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) steuert nach Angaben des UN-Nothilfekoordinators Tom Fletcher den Einsatz der internationalen Rettungsteams. „Unser Team in Venezuela arbeitet eng mit den Behörden zusammen, um die Prioritäten festzulegen“, erklärte Fletcher. Derzeit werde unter Hochdruck geprüft, welche Hilfe benötigt werde. Bereits vor den Erdbeben seien in Venezuela fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen.

Rodríguez spricht von Tragödie

Die beiden schweren Erdbeben hatten am Mittwochabend (Ortszeit) den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert und in der Hauptstadt Caracas zahlreiche Gebäude zum Einsturz gebracht. Delcy Rodríguez sprach von einer Tragödie und einem Erdbeben „noch nie dagewesenen Ausmaßes“ in dem südamerikanischen Land. In einer Ansprache hatte Rodríguez den Notstand ausgerufen und von einem „Vorfall mit schwerwiegenden Folgen“ gesprochen. Priorität hätten nun die Rettungsarbeiten, sagte Rodríguez. Der Schulunterricht werde ausgesetzt, der Zugverkehr eingestellt. Auch der internationale Flughafen der Hauptstadt Caracas habe wegen Schäden den Betrieb eingestellt.

Stärkste Beben seit über 100 Jahren

Innerhalb von weniger als einer Minute erschütterten am Mittwochabend (Ortszeit) zwei sehr starke Erdbeben Venezuela und richteten beträchtliche Schäden an. Die USGS gab die Stärke der Erschütterungen mit 7,2 und 7,5 an. Zwischen beiden Erschütterungen lagen laut USGS nur 39 Sekunden. Das erste Beben ereignete sich am Mittwoch um 18.04 Uhr (Ortszeit; 0.04 Uhr MESZ Donnerstag) 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite, stärkere Erdbeben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Das Erdbeben der Stärke 7,5 in Venezuela ist nach Angaben der geologischen US-Behörde USGS das Heftigste in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert. Ein noch stärkeres Beben der Stärke 7,7 gab es zuletzt im Jahr 1900 nordöstlich der Hauptstadt Caracas vor der Küste Venezuelas, wie aus Daten der Organisation hervorgeht.

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Rettungsarbeiten in Caracas

In einem Krankenhaus in Caracas stürzten Deckenplatten herab. In den sozialen Medien kursierten zudem unbestätigte Videos von schweren Schäden am Hauptflughafen des Landes sowie von eingestürzten Gebäuden in der Küstenstadt La Guaira. Im Hauptstadtbezirk Chacao konnten laut Bürgermeister Gustavo Duque allein aus einem Haus 18 Überlebende gerettet werden. Er rief die Bevölkerung auf, wegen möglicher Nachbeben auf öffentlichen Plätzen Schutz zu suchen. In Krankenhäusern wie dem Hospital de Clinicas in Caracas wurde das Personal für die Nachtschicht verdoppelt, um die Verletzten zu versorgen.

Seismisch aktive Zone

Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der die Karibische und die Südamerikanische Erdplatte aufeinandertreffen. Nach Angaben der USGS kamen im März 1812 bei einem schweren Erdbeben in den Städten Mérida und Caracas schätzungsweise 30.000 Menschen ums Leben. „Wir haben es mit einer äußerst alarmierenden Situation zu tun“, sagte Innenminister Cabello im Fernsehen. In mindestens sieben Bundesstaaten sowie in Caracas sei das Beben zu spüren gewesen. Um Explosionen zu verhindern, hätten die Behörden angeordnet, die Gaszufuhr zu unterbrechen.

Allein in den relativ nahe gelegenen Städten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Die Millionenstadt Caracas, aus der die ersten Bilder und Berichte kamen, lag dabei nicht besonders nah am Epizentrum, sondern mehr als 150 Kilometer östlich davon. Das Beben ereignete sich an einem gesetzlichen Feiertag zur Unabhängigkeit des Landes, weshalb sich viele Venezolaner in ihren Häusern aufhielten. In Caracas, das das letzte Mal 1967 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden war, flohen die Menschen in Panik auf die Straßen.

Deutschland und USA bieten Hilfe an

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bot dem Land die Hilfe der Bundeswehr an. Mit bis zu sechs Transportflugzeugen vom Typ A400M sollen demnach unter anderem Personal und Material des Technischen Hilfswerks (THW) und des Deutschen Roten Kreuzes nach Venezuela geflogen und Transportflüge innerhalb des Landes ermöglicht werden, teilte das Verteidigungsministerium mit. „Die Nachricht von den vielen Tausenden Toten in Venezuela hat mich tief erschüttert“, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius. „Jetzt gilt es, schnell Hilfe zu leisten.“

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz versprach Hilfe. „Die Nachrichten vom fürchterlichen Erdbeben in Venezuela machen tief betroffen. Deutschland steht an der Seite Venezuelas und wird helfen“, schrieb der Bundeskanzler auf X. „Unsere Gedanken gelten den Opfern und jenen, die ihr Hab und Gut verloren haben. Den Verletzten wünsche ich Kraft und schnelle Genesung.“ Auch Außenminister Johann Wadephul (CDU) zeigte sich auf X „zutiefst bestürzt“ und sagte Hilfe zu.

Die USA kündigten die sofortige Entsendung von Rettungskräften an. „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes“, erklärte Außenminister Marco Rubio am Donnerstag im Onlinedienst X. Auf Anweisung von Präsident Donald Trump würden unverzüglich Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe in das südamerikanische Land gesandt. Der US-Präsident hatte sich bereits auf der Plattform Truth Social geäußert. „Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein“, schrieb Trump – wohl mit Blick auf die Übergangsregierung in Caracas. Weiter erklärte er in Bezug auf das wahrscheinliche Ausmaß der Folgen: „Die ersten Berichte sind nicht gut!!!“