Ukraine attackiert Russlands Online-Riesen Wildberries: Gründe und Folgen
Ukraine attackiert Wildberries – die Hintergründe

Die Ukraine hat ihren Abwehrkampf gegen die russische Invasion auf eine neue Ebene gehoben: Statt nur Raffinerien greift Kiew nun gezielt die Logistikzentren des Online-Händlers Wildberries an. Das Unternehmen, oft als russisches Pendant zu Amazon bezeichnet, verzeichnet seit Wochen schwere Treffer. Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden elf Lagerhäuser attackiert, mindestens acht davon brannten teilweise oder vollständig aus. Am deutlichsten wurde der Schaden im Lager in Rjasan, wo riesige schwarze Rauchwolken aufstiegen und Augenzeugen den Einschlag von Kampfdrohnen filmten. Eine Frau berichtete in einem Blog, Wildberries habe sie trotz des Brandes aufgefordert, Waren auszuladen – andernfalls drohten Strafen. „Wohin soll ich sie ausladen – etwa direkt ins Feuer?“, fragte sie.

Milliardenverluste durch zerstörte Lagerflächen

Der materielle Schaden ist gewaltig. Nach Angaben des unabhängigen Wirtschaftsportals „The Bell“ vernichteten die Flammen allein Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die darin gelagerten und zerstörten Waren hatten einen geschätzten Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro. Insgesamt sind mehr als eine Million Quadratmeter Lagerfläche ausgebrannt – rund 20 Prozent der Gesamtfläche von Wildberries. Für das Unternehmen, das zuletzt massiv mit Krediten expandierte, eine existenzielle Bedrohung. Die Strategie, eine Online-Bank und ein Reisebüro zu gründen, könnte sich nun als Bumerang erweisen.

Offizielle Begründung: Handel mit Rüstungsgütern

Das ukrainische Militär begründet die Angriffe offiziell damit, dass auf der Plattform Rüstungsgüter gehandelt würden – darunter FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten. Diese Version wird jedoch selbst von ukrainisch gesinnten Beobachtern bezweifelt. Der Journalist Wladislaw Gorin, der für das russische Exil-Medium „Meduza“ arbeitet, bezeichnete Wildberries in seinem Podcast als kein militärisches Ziel. Die Argumentation der Ukraine ähnele der russischen Rechtfertigung, als Moskau im Winter ukrainische Kraftwerke bombardierte, weil diese angeblich auch Soldaten mit Wärme und Strom versorgten. Tatsächlich ist der Anteil militärischer Güter auf Wildberries verschwindend gering.

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Wirtschaftliche Komponente: Riesenumsatz und viele Händler

Wichtiger scheint die wirtschaftliche Komponente. Wildberries ist Russlands größter Online-Händler und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von rund 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei knapp zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent Ozon kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und lediglich 100 Millionen Euro Gewinn. Etwa die Hälfte des gesamten russischen E-Commerce läuft über Wildberries. Mit relativ geringem Aufwand kann die Ukraine russischen Unternehmern massiven Schaden zufügen. Besonders getroffen werden Klein- und Kleinstunternehmen: Bis zu 400.000 Händler sind auf der Plattform aktiv und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese nur zu einem Bruchteil ersetzt. In sozialen Netzwerken häufen sich die Klagen.

Soziale Unzufriedenheit vor der Duma-Wahl

Kurz vor der Duma-Wahl in Russland ist diese Unzufriedenheit für Kiew ein willkommenes Druckmittel. Das Kalkül ist zynisch, aber spiegelt die russische Taktik beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke wider. Allerdings spielen die Probleme der Russen für Kremlchef Wladimir Putin eine untergeordnete Rolle. Der Machtapparat besitzt über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren. Die Angriffe könnten Putin sogar dazu bewegen, den Krieg weiter zu eskalieren.

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Angriffe auf Besitztümer von Putin-Vertrauten?

Eine weitere Theorie besagt, dass Kiew gezielt Wildberries attackiert, weil das Unternehmen nach einem schmutzigen Scheidungskrieg im Jahr 2024 in die Hände von Kremlnahen gelangt sein soll. Die Firmengründerin Tatjana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Dieser verbündete sich mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow und versuchte, mit Bewaffneten ins Wildberries-Hauptquartier einzudringen – angeblich für Verhandlungen. Bei der folgenden Schießerei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben. Kim fusionierte den Konzern anschließend mit der Reklameagentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden; angeblich sind seither hochrangige Putin-Vertraute wie Anton Waino, Chef der Präsidialverwaltung, und sein Stellvertreter Alexej Gromow an Wildberries beteiligt. Offiziell wird dies nicht bestätigt. Auffällig ist jedoch, dass der Machtapparat keine Anstalten macht, Wildberries zu Schadenersatz für die ruinierten Kleinunternehmer zu drängen. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und Überlegungen, dem Unternehmen mit Hilfe einer Staatsbank den Bankrott zu ersparen. Die Angriffe auf die Lagerhäuser gehen unterdessen weiter – mit unabsehbaren Folgen für Russlands E-Commerce und die betroffenen Händler.