Bei einem massiven russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew sind in der Nacht zum Donnerstag mindestens zehn Menschen getötet worden. Bürgermeister Vitali Klitschko teilte auf Telegram mit, dass 34 weitere Menschen verletzt wurden. Nach einem Direkttreffer stürzten die ersten sechs Stockwerke eines großen Wohnhauses ein. Unter den Verletzten befanden sich auch Rettungskräfte einer Ambulanzstation. Der Leiter der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, erklärte, dass Wohngebäude getroffen wurden und in einem Hotel im Stadtzentrum ein Brand ausgebrochen sei. Im gesamten Stadtgebiet seien etwa drei Dutzend Orte beschädigt worden. Ein Reuters-Augenzeuge berichtete von mehreren schweren Explosionen. Das russische Verteidigungsministerium bezeichnete die Angriffe als Vergeltung für ukrainische Angriffe auf die zivile Infrastruktur.
Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Energieanlagen
Die Ukraine hat ihre Angriffe auf Ziele tief in Russland verstärkt und dabei vor allem die Energie-Infrastruktur ins Visier genommen. Die Nachrichtenagentur AP zählte seit März mehr als 50 Angriffe auf Ölraffinerien, Lager, Terminals und andere Energieinfrastruktur in Russland und auf der annektierten Krim. In vielen Fällen wurde eine Anlage mehrfach attackiert, so etwa eine Ölraffinerie in Tuapse, die viermal getroffen wurde. Gary Peach, Ölmarktanalyst bei Energy Intelligence, sagte der AP, die Menge des im Juni von Russland zu Treibstoff verarbeiteten Rohöls sei im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel auf 3,95 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen – der niedrigste Wert in 20 Jahren. „Die Ausfälle sind außergewöhnlich“, so Peach. Die Benzinproduktion sei um 17 Prozent auf 850.000 Barrel täglich gesunken, weit unter dem Inlandsbedarf.
Russische Verluste steigen drastisch
Laut einem Lagebericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS) haben die ukrainischen Verteidiger die Verluste der russischen Armee stark in die Höhe getrieben. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst – 1,4 Millionen auf russischer Seite. Während das Verhältnis der Verluste lange bei 2:1 oder 3:1 lag, sei es im ersten Halbjahr 2026 auf 8:1 gestiegen. Hauptgrund sei der verstärkte Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite mit 125.000 bis 150.000. Ende Januar hatte die Bilanz noch bei etwa 325.000 getöteten Russen und 100.000 bis 140.000 Ukrainern gelegen. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste die der Neurekrutierungen.
Auswirkungen auf russische Exporte und Wirtschaft
Die ukrainischen Drohnenangriffe ließen Russlands Dieselausfuhren im Juni um 39 Prozent auf 1,8 Millionen Tonnen einbrechen, wie aus Daten von LSEG hervorgeht. Die Lieferungen aus dem Hafen Primorsk sanken um mehr als die Hälfte auf 623.000 Tonnen. Die Produktionsausfälle führten zu Engpässen und Verkaufsbeschränkungen in mehreren Regionen. Händler erwarten, dass die Exporte im Juli fast zum Erliegen kommen könnten. Die Türkei und Brasilien blieben die Hauptabnehmer. Laut dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) stagniert das russische Wirtschaftswachstum 2026 bei 0,6 Prozent. Russland-Experte Vasily Astrov sagte, die restriktive Geldpolitik der Notenbank würge die Wirtschaft ab, und die ukrainischen Attacken auf Energieanlagen schadeten zusätzlich.
Internationale Reaktionen und Unterstützung für die Ukraine
Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, sich auf dem Nato-Gipfel für eine neue Finanzhilfe der europäischen Partner für die Ukraine einzusetzen. „Wir werden in unserer Unterstützung für die Ukraine nicht nachlassen“, betonte Merz. Die Ukraine bittet die EU um Freigabe von 6,6 Milliarden Euro aus der Europäischen Friedensfazilität für Militärhilfe. Dänemark stellte ein neues Hilfspaket im Wert von 589 Millionen Euro bereit. Die EU zahlte 3,9 Milliarden Euro für die Drohnenbeschaffung aus. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte: „Diese Investitionen werden der Ukraine helfen, ihre Bürger zu schützen, ihre Souveränität zu verteidigen und die Sicherheit Europas zu stärken.“



