Arbeitsmarkt-Debatte: Der Fokus auf längere Arbeitszeiten verfehlt das eigentliche Problem
Die Forderung der CDU nach längeren Arbeitszeiten und weniger "Faulenzerei" dominiert derzeit die politische Debatte. Bundeskanzler Friedrich Merz und Teile der Union drängen auf Reformen wie die Abschaffung der "Lifestyle-Teilzeit", die Beseitigung der telefonischen Krankschreibung und die Einführung von Karenztagen. Doch Wirtschaftsexperten warnen: Diese Diskussion schrammt am größten Problem des deutschen Arbeitsmarktes vorbei – seiner mangelnden Beweglichkeit.
Die eigentliche Herausforderung: Strukturwandel statt Arbeitsdauer
Der deutsche Arbeitsmarkt befindet sich in einer vertrackten Lage. Die Arbeitslosenzahl hat die Drei-Millionen-Marke überschritten, während gleichzeitig 36 Prozent der Unternehmen über unbesetzte Stellen klagen. Die DIHK stellt fest: "Gerade in Schlüsselbranchen wie Digitalisierung, Energie und Infrastruktur fehlen häufig die Spezialisten." Bis 2035 werden sieben Millionen Babyboomer in Rente gehen, ein Verlust, der durch Zuwanderung und höhere Frauenerwerbsbeteiligung kaum ausgeglichen werden kann.
Die aktuelle Krise unterscheidet sich fundamental von früheren Wirtschaftseinbrüchen. Heute stehen wir vor einem mehrfachen Strukturwandel: Die Klimaneutralität erfordert einen raschen Produktionsumbau, Künstliche Intelligenz revolutioniert Wirtschaftsprozesse, und das Ende billiger fossiler Energien macht bisherige Geschäftsmodelle obsolet. Entscheidend ist nicht, wie lange gearbeitet wird, sondern wo gearbeitet wird.
Erstarrung statt Bewegung: Der Arbeitsmarkt als mittelalterliche Burg
Laut Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erfordern weder Klimawandel noch KI-Revolution weniger Jobs – aber oft andere. Für eine erfolgreiche Transformation braucht es deutlich mehr berufliche Mobilität. Doch der deutsche Arbeitsmarkt scheint erstarrt.
BA-Vorstand Daniel Terzenbach vergleicht die Situation mit einer mittelalterlichen Burg: "Wer drin ist, ist sicher und will nicht raus. Wer aber hineinwill, für den sind die Mauern hoch." Diese Immobilität zeigt sich besonders in der Industrie, wo sowohl Jobwechsel als auch -austritte seltener geworden sind.
Arbeitsmarktökonomin Christina Gathmann von der Universität Luxemburg warnt: "Im Strukturwandel braucht es viel mehr Reallokation von Beschäftigten, doch das Gegenteil ist der Fall." Wirtschaftsexperte Simon Jäger ergänzt: "Deutschland droht zum Industriemuseum zu werden, auch weil viele Fachkräfte sich an der falschen Stelle befinden."
Das SAP-Beispiel: Teurer Personalumbau blockiert Innovation
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Probleme: Der Softwarekonzern SAP kündigte 2024 weltweit 8.000 Stellenabbau an, um gleichzeitig im KI-Bereich neue Positionen zu schaffen. In Deutschland bot das Unternehmen großzügige Abfindungsprogramme an – bei manchen Mitarbeitern summierte sich die Abfindung auf eine halbe Million Euro.
Das zeigt zweierlei: Erstens ist Personalumbau in Deutschland extrem teuer, was nur Großunternehmen leisten können. Zweitens werden leistungsfähige Fachkräfte stillgelegt, die andernorts dringend benötigt würden. Was als sozialverträglich gilt, erweist sich volkswirtschaftlich als schädlich.
Zielgerichtete Reformen statt einfacher Lösungen
Die Diagnose ist einfach: Jobwechsel müssen einfacher werden, damit Beschäftigte dort landen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Die Umsetzung gestaltet sich jedoch komplexer.
Princeton-Ökonom Simon Jäger warnt vor radikalen Schnellschüssen: "Eine gewisse Sicherheit erhöht die Bindung an den Arbeitgeber enorm – und damit die Bereitschaft, in seinen Job zu investieren." Ein gewisser Druck auf Unternehmen, Mitarbeiter für neue Tätigkeiten zu qualifizieren, sei volkswirtschaftlich sinnvoll. "Ich würde da nicht das Kind mit dem Bade ausschütten."
Konkrete Reformvorschläge der Experten umfassen:
- Steuerfreie Abfindungen – aber nur bei Weiterbeschäftigung in einem anderen Unternehmen
- Ausweitung der Befristungsmöglichkeiten für etablierte Unternehmen bei risikoreichen Tech-Innovationen
- Mehr Transparenz bei Gehältern durch verpflichtende Angaben in Stellenanzeigen
- Vernetzung von Unternehmen bei Personalumbau, wie bereits in Niedersachsen praktiziert
Die Verdoppelung der Bezugszeit für Kurzarbeitergeld auf zwei Jahre erweist sich dabei als kontraproduktiv. Wertvolle Fachkräfte werden in alten Geschäftsmodellen subventioniert, statt sich in Zukunftsbereiche umzuorientieren.
Praktische Lösungen jenseits der Parteitagsdebatte
Während die Union über Arbeitszeit und Teilzeit debattiert, existieren bereits praktikable Modelle. Im niedersächsischen Gifhorn etwa schließt Continental Ende 2027 eine Bremsenfabrik. Durch Vernetzung mit Unternehmen der Umgebung – darunter ein Wärmepumpenhersteller und ein Rüstungskonzern – sollen die meisten der 900 betroffenen Mitarbeiter neue Perspektiven finden.
Solche Initiativen, oft von der Bundesagentur für Arbeit koordiniert, zeigen: Die Lösung liegt nicht in längeren Arbeitszeiten, sondern in intelligenterer Mobilität. Nur wenn Beschäftigte leichter dorthin wechseln können, wo sie am produktivsten sind, wird aus dem großen Umbau neuer Wohlstand entstehen.



