Kündigung wegen Schlafbedürfnis: Investmentbankerin verklagt Wall-Street-Bank auf Millionen
Eine junge Investmentbankerin wurde von ihrem Arbeitgeber entlassen, nachdem sie sich nachts abmeldete, um ihr vereinbartes Schlafbedürfnis von neun Stunden zu erfüllen. Nun fordert sie vor einem New Yorker Bundesgericht Schadensersatz in Millionenhöhe. Der Fall wirft grundlegende Fragen zu Arbeitsbedingungen und Diskriminierung im Hochleistungssektor auf.
Vereinbarte Schlafregelung und plötzliche Kündigung
Kathryn Shiber war 21 Jahre alt, als sie 2020 als Junior-Analystin bei Centerview anheuerte, einer renommierten amerikanischen Boutique-Bank, die auf Fusionen und Übernahmen spezialisiert ist. Wegen einer diagnostizierten Stimmungs- und Angststörung bat Shiber ihren Arbeitgeber um eine Schutzregelung: neun Stunden garantierten Schlaf pro Nacht, von Mitternacht bis 9 Uhr morgens. Im Gegenzug erklärte sie sich dazu bereit, zu allen übrigen Stunden, sieben Tage die Woche, erreichbar zu sein. Die Bank stimmte zunächst zu, wie die Financial Times berichtet.
Doch keine drei Wochen später wurde Shiber entlassen. Auslöser war ein konkreter Vorfall: Shiber hatte sich in einer Nacht gegen 1 Uhr, nach tagelangen Spätschichten für ein Projekt, ohne Ankündigung abgemeldet. Im Kündigungsgespricht soll ihr Vorgesetzter ihr vorgeworfen haben, sich angesichts ihres Schlafbedarfs überhaupt auf eine Stelle im Investmentbanking beworben zu haben.
Gerichtsverfahren und Forderungen der Bankerin
Kommende Woche beginnt das Geschworenenverfahren vor einem Bundesgericht in New York. Shiber will vorbringen, der Rauswurf habe ihre Karriere dauerhaft beschädigt. Ihre Forderung umfasst das entgangene Gehalt der nächsten zehn Jahre sowie Schadensersatz für seelisches Leid, in der Summe mehrere Millionen Dollar.
Centerview-Teilhaber Tony Kim legte in eingereichten Aussagen offen, was im Investmentbanking als normal gilt: Analysten im ersten Jahr arbeiten demnach zwischen 60 und 120 Stunden pro Woche. "Bei manchen Projekten arbeitet man 24 Stunden am Tag", so Kim. "Man weiß nie, wann man verfügbar sein muss."
Größere Implikationen für Arbeitskultur
Der Fall verdeutlicht die extremen Arbeitsbedingungen in der Investmentbranche und stellt die Frage, wo die Grenzen zwischen betrieblichen Anforderungen und Diskriminierung liegen. Shibers Klage könnte Präzedenzwirkung für ähnliche Fälle haben, in denen Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen oder gesundheitlichen Einschränkungen in Hochleistungsberufen tätig sind.
Die Debatte um Work-Life-Balance und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gewinnt damit auch im Finanzsektor an Bedeutung, einem Bereich, der traditionell für lange Arbeitszeiten und hohen Druck bekannt ist.



