Die Zahl der Firmengründungen in Deutschland ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen – doch viele Neugründungen erfolgen aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Das zeigt der neue Gründungsreport der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), über den die „Rheinische Post“ berichtet. Demnach stieg die Zahl der Gründungen um mehr als 20.000 auf gut 171.000. Der Anteil derjenigen, die vor allem mangels anderer beruflicher Aussichten ein Unternehmen gründen, liegt mit 36 Prozent auf dem höchsten Stand seit elf Jahren.
Gründung als Ausweichstrategie statt unternehmerischer Aufbruch
„Unser Report zeigt zwar ein steigendes Gründungsinteresse, aber keinen breiten unternehmerischen Aufbruch“, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian der Zeitung. „Fast vier von zehn Interessierten wollen in erster Linie gründen, weil sie angesichts der wirtschaftlichen Lage und der Transformation in vielen Branchen um ihren Arbeitsplatz fürchten.“ Die Gründung sei daher oft „eher eine Ausweichstrategie als der feste Wunsch, als Unternehmerin oder Unternehmer neue Marktchancen zu erschließen“.
Diese Entwicklung spiegelt die angespannte Lage am Arbeitsmarkt wider: Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juli wieder über die Drei-Millionen-Marke gestiegen. Viele Beschäftigte sehen sich durch Umstrukturierungen und den Wandel in Industrie und Dienstleistung bedroht und wählen den Schritt in die Selbstständigkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit.
Defizite bei Konzepten und Finanzierung
Die IHK-Berater beobachten dem Bericht zufolge zudem bei einem wachsenden Teil der Geschäftskonzepte Defizite, insbesondere bei der Finanzierung und der kaufmännischen Planung. Vielen Gründern fehlt es an ausreichender Vorbereitung und betriebswirtschaftlichem Know-how, was die Erfolgsaussichten der neuen Unternehmen schmälert.
Als größte Hürden nannten die Befragten komplizierte bürokratische Regeln und das Steuerrecht. So wünschten sich 73 Prozent der Gründer einfachere Regeln und 61 Prozent ein einfacheres Steuerrecht. Diese Forderungen sind nicht neu, gewinnen aber angesichts der steigenden Gründungszahlen an Dringlichkeit.
Zahlen im historischen Vergleich
Obwohl die aktuellen Zahlen höher sind als in den Vorjahren, liegen sie unter dem Niveau der Jahre 2010 bis 2020, als durchschnittlich rund 100.000 Gründungen mehr verzeichnet wurden. Die DIHK weist darauf hin, dass das Gründungsgeschehen trotz des Anstiegs hinter dem langjährigen Durchschnitt zurückbleibt.
Dem Bericht liegen die Erfahrungen von rund 350 IHK-Existenzgründungsberatern sowie eine Auswertung zum IHK-Gründungsservice zugrunde. Die Erhebung bietet damit ein repräsentatives Bild der Gründungsszene in Deutschland.
Folgen für die Wirtschaft
Die DIHK mahnt, dass Gründungen aus Not heraus oft weniger nachhaltig seien als solche aus Überzeugung. Fehlende Finanzierung und mangelnde kaufmännische Kenntnisse erhöhen das Risiko von Insolvenzen. Gleichzeitig betont der Verband, dass Existenzgründer ein wichtiger Motor für Innovation und Beschäftigung seien – umso wichtiger sei es, die Rahmenbedingungen zu verbessern.
Die Forderungen nach Bürokratieabbau und Steuervereinfachung richten sich an die Politik. Die kommende Bundesregierung sei gefordert, Gründungen zu erleichtern und damit die wirtschaftliche Dynamik zu stärken, so der Tenor des Berichts.



