Eine neue Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Krankenkasse DAK entkräftet die Annahme, Deutschland sei Europameister bei Krankschreibungen. Zwar zeigen OECD-Daten auf den ersten Blick, dass Deutschland 2022 mit 24,9 registrierten Fehltagen pro Kopf an der Spitze lag, gefolgt von Tschechien (19,2 Tage), Norwegen (18,8 Tage) und Luxemburg (18,6 Tage). Portugal (8,5 Tage), Großbritannien (5,7 Tage) und die Türkei (3,2 Tage) bildeten das Schlusslicht. Doch die IGES-Fachleute warnen: Diese Zahlen eignen sich nicht für einen direkten Systemvergleich, da die OECD ihre Daten aus unterschiedlichen nationalen Quellen bezieht, die wiederum von verschiedenen nationalen Regeln zur Erfassung von Arbeitsunfähigkeit beeinflusst werden.
Problematik der OECD-Daten
Neben Estland, Lettland und Polen ist Deutschland eines der wenigen europäischen Länder, das Fehltage durch ein gesetzlich verpflichtendes elektronisches Meldeverfahren (eAU) sehr genau erhebt. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz müssen Arbeitnehmer hierzulande spätestens am vierten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Die ersten drei Tage werden nicht erfasst, was die Statistik verzerrt. In anderen Ländern hingegen gelten kürzere oder längere Fristen, oder es gibt gar keine Meldepflicht. Daher sind die OECD-Zahlen laut IGES-Studie nicht geeignet, um die wahre Krankenstandsbelastung zu vergleichen.
Alternative Erhebungen: European Labour Force Survey
Die Europäische Arbeitskräfteerhebung (European Labour Force Survey) befragt Haushalte direkt nach Abwesenheitszeiten von der Arbeit und liefert einheitliche Daten. Für 2024 ergab sich für Deutschland eine durchschnittliche Abwesenheit von 3,6 Wochen pro Jahr – das ist das obere Mittelfeld. An der Spitze lagen Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5 Wochen) und Spanien (4,9 Wochen). Die geringsten Fehlzeiten verzeichneten Bulgarien (0,4 Wochen), Griechenland (0,2 Wochen) und Rumänien (0,1 Wochen). Allerdings gibt es auch hier Einschränkungen: In Ländern wie Estland, Frankreich, Portugal, Spanien und Lettland gibt es Karenz-Regelungen von einem bis zu drei Tagen, in denen kein Lohnanspruch besteht. Dies beeinflusst die Wahrnehmung und Meldung von Krankheitstagen.
Großzügigkeit des deutschen Systems
Das deutsche System der Lohnfortzahlung gilt als vergleichsweise großzügig. Arbeitnehmer erhalten bei Krankheit bis zu sechs Wochen lang ihr volles Gehalt vom Arbeitgeber. Ähnliche Regelungen existieren in Luxemburg (77 Tage) und den Niederlanden (104 Wochen bei 70 bis 100 Prozent Lohnfortzahlung). Deutlich kürzer sind die Zeiträume in Bulgarien (drei Tage), Irland (maximal fünf Tage pro Jahr) oder Rumänien (fünf Tage). Auch beim Krankengeld durch die Sozialversicherung zeigt sich Deutschland großzügig: Die Bezugsdauer beträgt bis zu 78 Wochen bei 70 Prozent des Bruttoentgelts. Vergleichbare Leistungszeiträume finden sich laut IGES in Portugal, Irland, Belgien und Finnland, wobei die Höhe europaweit zwischen 50 und 80 Prozent des Durchschnittseinkommens schwankt.
Fazit der Fachleute
Das IGES ordnet die Bundesrepublik nach Analyse aller verfügbaren Daten im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld ein – nicht an der Spitze. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Fehlzeiten aufgrund der großen Unterschiede der Systeme nur begrenzte Aussagekraft für Reformdebatten haben. „Die registrierten Fehlzeiten werden von nationalen Regeln beeinflusst, wie Arbeitsunfähigkeit genau gemessen wird“, so das IGES. Daher sei ein direkter Vergleich der Krankschreibungszahlen irreführend und für politische Entscheidungen nur bedingt tauglich.



