Nordkoreas Wirtschaft wächst – aber Experte warnt vor Euphorie
Die abgeschottete Atommacht Nordkorea meldet überraschende Wirtschaftsdaten: Laut Schätzungen der südkoreanischen Zentralbank wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes im Jahr 2024 um 3,7 Prozent, nach einem Plus von 3,1 Prozent im Vorjahr. Damit hat sich die Wirtschaft von den pandemiebedingten Einbrüchen erholt. In der Hauptstadt Pjöngjang werden neue Wohnhäuser gebaut, es gibt mehr Autos auf den Straßen und die Stromversorgung hat sich verbessert. Zudem eröffnete im vergangenen Jahr ein Luxusressort am Strand von Wonsan.
Doch Korea-Experte Frederic Spohr zeigt sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel skeptisch: „Es gibt derzeit keine klaren Anzeichen für einen breiten und nachhaltigen Aufschwung der nordkoreanischen Wirtschaft.“ Die positiven Entwicklungen seien teilweise auf Nachholeffekte nach der Pandemie zurückzuführen. Zudem würden Ressourcen stärker als zuvor auf die Hauptstadt konzentriert, während die Lage in den Provinzen weiterhin schwierig sei.
Inflation und Versorgungsprobleme belasten Bevölkerung
Spohr verweist auf jüngste Berichte, die auf eine starke Zunahme der Inflation hindeuten. Dies spreche für eine weiterhin schwierige Versorgungslage. „Ein großer Teil der Bevölkerung dürfte von den Preissteigerungen hart getroffen werden“, so der Experte. Auch die rechtliche Erleichterung des Autobesitzes erkläre die höhere Fahrzeugdichte in Pjöngjang, sei aber kein Indikator für einen allgemeinen Wohlstandszuwachs.
Die Schätzungen des BIP-Wachstums basieren auf Geheimdienstinformationen und Satellitendaten. Spohr betont, dass diese Daten mit Vorsicht zu genießen seien, da sie keine genauen Rückschlüsse auf die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung zuließen.
Russland-Hilfen: Militär profitiert, Bevölkerung nicht
Ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas ist die zunehmende Zusammenarbeit mit Russland. Seit 2024 unterstützt Nordkorea den russischen Krieg gegen die Ukraine mit schätzungsweise 14.000 Soldaten. Im Gegenzug erhält Pjöngjang russische Hilfen. Eine von der Naumann-Stiftung beauftragte Studie beziffert den Wert der nordkoreanischen Militärhilfe für Russland auf knapp zehn Milliarden Dollar – etwa ein Drittel der geschätzten jährlichen Wirtschaftsleistung Nordkoreas.
Doch wie Russland diese Hilfe vergütet, ist unklar. „Klar ist, dass dieser wirtschaftliche Gegenwert bislang offenbar nicht in größerem Umfang der gesamten Volkswirtschaft oder der breiten Bevölkerung zugutekommt“, sagt Spohr. Stattdessen profitiere wahrscheinlich das Militär von den russischen Gegenleistungen, etwa durch Technologietransfer in Rüstungsbetriebe. Zudem erhalte die Elite des Regimes Geldzahlungen auf ihre Konten.
Politische Unterstützung aus Moskau
Neben wirtschaftlichen Vorteilen bietet die Partnerschaft mit Russland Nordkorea auch politische Rückendeckung. Die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA bekräftigte am Dienstag, Pjöngjangs Unterstützung für die „gesamte Innen- und Außenpolitik der Russischen Föderation“ sei „unerschütterlich“. Außenministerin Choe Son Hui traf sich bei einem Moskau-Besuch mit ihrem russischen Kollegen Sergej Lawrow und mit Präsident Wladimir Putin, um die Beziehungen weiter zu festigen.
Ob die wirtschaftliche Erholung Nordkoreas nachhaltig ist, bleibt fraglich. Experte Spohr sieht keine Anzeichen für einen breiten Aufschwung, der der gesamten Bevölkerung zugutekommt. Die positiven Daten und Bauprojekte in Pjöngjang täuschten möglicherweise über die anhaltenden strukturellen Probleme hinweg.



