Stadtplaner: So profitieren alle von altersgerechter Stadtplanung
Stadtplaner: So profitieren alle von altersgerechter Planung

Warum eine seniorenfreundliche Stadtplanung notwendig ist

Die alternde Gesellschaft ist ein Megatrend, der langfristig wirkt, erklärt Stadtplaner Carl Herwarth von Bittenfeld im Interview. Mit steigender Lebenserwartung und sinkenden Geburtenraten wachse der Anteil älterer Menschen, gleichzeitig differenziere sich diese Gruppe weiter aus. Es gebe gesunde, aktive Senioren ebenso wie Hochbetagte oder Menschen mit größeren gesundheitlichen Problemen, die spezielle Anforderungen an Pflege und Betreuung sowie an ein funktionierendes Wohnumfeld haben. Zentrales Ziel einer altersfreundlichen Stadtplanung sei es, ein gesundes und aktives Altern und damit ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen – möglichst durch Verbleib im vertrauten Wohnumfeld.

Stadtplanung muss für alle funktionieren

Stadtplanung sollte grundsätzlich die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung berücksichtigen, betont Herwarth von Bittenfeld. Als Maxime formuliert er: „Möglichst die Dinge tun, die breiten Bevölkerungsschichten zugutekommen – und hier vor allem den benachteiligten Bevölkerungsgruppen, zu denen ich auch eine Vielzahl älterer Menschen zählen würde, Stichwort Altersarmut.“ Viele fielen in die Grundsicherung. Orte, an denen sich die Generationen begegnen können, seien im Quartier wichtig.

Es gebe mindestens drei große Handlungsfelder, die in einer zwiebelartigen Struktur aufeinander aufbauen. Je jünger man sei, desto größer sei der Bewegungs- und Aktionsradius. Je älter die Menschen werden, desto mehr reduziere sich alles auf das Wohnumfeld und die Wohnung.

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Handlungsfeld Wohnung: Flexibilität und Tausch

Das kleinste Handlungsfeld ist die Wohnung selbst. Herwarth von Bittenfeld nennt das Beispiel eines älteren Menschen, der allein im Einfamilienhaus oder einer Vierzimmerwohnung sitzt, die vielleicht nicht barrierefrei ist. Ein Umzug wäre naheliegend, aber in Berlin sei der Wohnungsmarkt völlig überzogen und angespannt. Die Fluktuationsrate bei preiswerten Wohnungen gehe gegen null, weil der Abstand zwischen Bestandsmieten und Neuvertragsmieten enorm groß sei (Lock-in-Effekt). Ein funktionierender Wohnungsmarkt benötige einen Fluktuationsleerstand von drei bis fünf Prozent.

Statt auf eine geeignete leer stehende Wohnung zu warten, käme der Tausch der Vierzimmerwohnung gegen die Zweizimmerwohnung einer jungen Familie infrage. Bei den sieben landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sei das möglich, die Nettokaltmieten der Wohnungen blieben unverändert. Der kommunale Bestand umfasse über 370.000 tauschfähige Wohnungen, was eine relevante Größe sei.

Nutzungsneutrale und schaltbare Räume

Bei den Wohnungen selbst erachtet Herwarth von Bittenfeld Nutzungsneutralität als sehr wichtig. Räume sollten nicht für einen einzigen Zweck vordefiniert sein, sondern neutral gestaltet, sodass sie im Laufe der Zeit problemlos an neue Lebensphasen angepasst werden können. Ebenso wichtig seien schaltbare Räume, die so angeordnet sind, dass sie von einer Vierzimmerwohnung abgetrennt und der danebenliegenden Zweizimmerwohnung hinzugefügt werden können. „Der Wohnungsbau ist noch zu sehr zementiert in wenigen Standards, und diese vermögen nicht hinreichend flexibel die Vielfalt unserer Lebensformen und Lebensphasen abzubilden“, kritisiert der Stadtplaner.

Barrierefreiheit im Neubau und Bestand

In Berlin müssen bei allen Neubauten 75 Prozent der Wohnungen barrierefrei erreichbar und mindestens 50 Prozent barrierefrei nutzbar sein. Dazu gehören ebenerdiger Zugang, ausreichende Raumgrößen, bodengleiche Duschwannen und Aufzüge in Mehrfamilienhäusern. Im Bestand sind Aufzüge ein Thema, vor allem in Milieuschutzgebieten. Deren nachträglicher Einbau sei schwierig, weil er als wertsteigernd gilt und die Nebenkosten erhöht, was zu sozialer Verdrängung führen kann. Hier bestehe ein Zielkonflikt zwischen dem Erhalt der sozialen Mischung und der Möglichkeit, im angestammten Wohnumfeld alt zu werden.

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Handlungsfeld Haus: Generationenwohnen fördern

Auf der Ebene des Hauses geht es darum, Generationenwohnen zu befördern. Herwarth von Bittenfeld nennt Beispiele: Eine ältere Bewohnerin gibt einem Schüler Nachhilfe, der ihr im Gegenzug bei der Medienkompetenz hilft. „Wir brauchen vermehrt Häuser, die verschiedene Formen des Austauschs und der Hilfestellungen ermöglichen, für ältere Menschen mehr Sicherheit bieten, Einsamkeitsrisiken reduzieren und Gemeinschaftsgefühl stärken.“ Dazu sollten gezielt Grundstücke an Baugruppen und Genossenschaften vergeben werden, die solche Konzepte planen. Auch Seniorengenossenschaften, die sich gegenseitig helfen, sollten bei der Vergabe landeseigener Grundstücke unterstützt werden.

Soziale Mischung im Haus und Quartier

Erstrebenswert sei eine möglichst große Durchmischung sowohl im Gebäude als auch im Quartier. Das trage zur Stabilität und zum Zusammenhalt bei, fördere die Integration verschiedener Gruppen und wirke sich positiv auf Lebendigkeit und Wohnzufriedenheit aus. Voraussetzung sei, dass ein bestimmter Anteil der Wohnungen dauerhaft preisgebunden oder gefördert wird und das Angebot für unterschiedliche Haushaltsgrößen und Wohnformen sehr vielfältig ist.

Handlungsfeld Umgebung: Die 15-Minuten-Stadt

Das dritte Handlungsfeld ist die nähere Umgebung. Die Maxime lautet: So planen, dass möglichst viele Menschen partizipieren und Sonderlösungen nur dort nötig sind, wo es unausweichlich ist. Viele profitieren von einer verkehrsberuhigten Nachbarschaft und sicher erreichbaren Grünanlagen. Ältere Menschen, die viel Zeit im Quartier verbringen, benötigen qualitätsvoll gestaltete, barrierefreie Außenräume mit Sitzgelegenheiten als Ruhe- und Treffpunkte. Dazu kommen Orte der Begegnung, barrierefreie öffentliche Toiletten, Trinkwasserspender sowie Sonnenschutz durch Bäume, Pergolen oder Sonnensegel. Eine demenzfreundliche Gestaltung zeichnet sich durch gute Orientierung und geschützte, sicher erreichbare Begegnungsorte aus.

Kommunen haben bei der Stadtplanung erheblichen Gestaltungsspielraum, insbesondere die Stadtentwicklungsämter. Sie können sich am Leitbild der 15-Minuten-Stadt von Carlos Moreno orientieren, in der alle wichtigen Orte der Daseinsvorsorge – Einkäufe, Schule, Kita, ärztliche Einrichtungen – in einer Viertelstunde erreichbar sind. „Das wäre, wenn man so will, die idealtypische Stadt für ältere Menschen“, so Herwarth von Bittenfeld. Die 15-Minuten-Stadt sei zugleich ein Widerruf von Le Corbusiers funktionaler Trennung von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen – zurück zur durchmischten Stadt. Als Beispiel nennt er das Projekt Nordhavn in Kopenhagen.

In der Stadtplanung dürfe es nicht nur um physische Barrieren gehen, sondern auch um soziale und kulturelle: Gibt es Diskriminierung in der Nutzung von Räumen? Gibt es konsumfreie Orte, an denen Begegnungen möglich sind, ohne dass man etwas zahlen oder konsumieren muss? Gut erreichbare Nachbarschaftstreffs mit spezifischen Angeboten für Seniorinnen und Senioren seien ein wichtiger Baustein altersgerechter Stadtplanung.