Der chinesische Autobauer BYD startet eine beispiellose Offensive auf dem deutschen Markt. Mit einer Dreifachstrategie aus eigenem Händlernetz, Produktionswerk in Ungarn und einem Aufbau eigener Schnellladestationen will das Unternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre als europäischer Hersteller wahrgenommen werden. Das erklärte BYD-Deutschland-Chef Lars Bialkowski gegenüber BILD.
Rasantes Händlerwachstum in Deutschland
Während viele Wettbewerber auf bestehende Vertriebsnetze setzen, baut BYD sein eigenes Netz massiv aus. Vor einem Jahr zählte der Autobauer lediglich 26 oder 27 Verkaufs- und Servicestandorte in Deutschland. Heute sind es bereits 220. „Bis Ende des Jahres wollen wir auf 350 Standorte wachsen“, so Bialkowski. Mit diesem dichten Netz will der Konzern sicherstellen, dass Kunden „nur 15 oder 20 Minuten zum nächsten Händler fahren müssen“. Der deutsche und europäische Markt seien kompliziert, weshalb ein großes Händlernetz unerlässlich sei. Derzeit liegt BYD in Deutschland bei einem Marktanteil von rund zwei Prozent.
Flash-Charging: Laden in neun Minuten
Ein zentrales Element der Offensive ist die neue Flash-Charging-Technologie. Bialkowski betont: „Wir laden von zehn auf 97 Prozent Batterieladung in neun Minuten.“ Damit will BYD die Ladezeit auf das Niveau eines Tankvorgangs senken. Die Technologie kommt zunächst in Modellen der Premiummarke Denza zum Einsatz, etwa dem Sportwagen Z (Preis rund 100.000 Euro), dem Z9 GT und dem Van D9. Mit diesen Fahrzeugen greift BYD künftig Mercedes, BMW und Audi im Premiumsegment an. Ab Oktober soll Flash Charging auch in den ersten BYD-Modellen verfügbar sein.
Eigenes Schnellladenetz für Deutschland
Damit Autofahrer die schnelle Ladetechnologie nutzen können, baut BYD sein eigenes Netz von Schnellladestationen auf. „Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich mindestens 300 Ladestationen in Deutschland zu installieren“, erklärt Bialkowski. Die erste Anlage steht bereits in Stuttgart. Weitere Standorte sind entlang von Autobahnen und Bundesstraßen geplant. Damit verfolgt BYD einen ähnlichen Ansatz wie Tesla, setzt aber auf eine noch schnellere Ladegeschwindigkeit. Die Stationen sollen auch für andere E-Autos nutzbar sein, sofern sie die entsprechende Technik unterstützen.
Produktion in Ungarn und europäische Lieferkette
Parallel zum Vertriebsausbau läuft in Ungarn ein neues Werk an, das noch dieses Jahr die Produktion aufnehmen soll. Gefertigt werden zunächst der Dolphin Surf und der ATTO 2. Die Kapazität liegt bei rund 150.000 Fahrzeugen pro Jahr, laut Bialkowski „eventuell auch darüber hinaus“. Um unabhängiger von Zulieferern zu werden, verhandelt BYD mit rund 600 europäischen Partnern über eine eigene Lieferkette. „Mittelfristig werden wir allein durch dieses Werk bis zu 10.000 Arbeitsplätze in Europa schaffen“, so der Deutschland-Chef. Ein eigenes Werk in Deutschland ist derzeit nicht geplant; der Fokus liege zunächst auf dem Hochlauf in Ungarn.
Preisaggressivität und Wettbewerb
Mit dem Dolphin Surf, einem Plug-in-Hybrid im B-Segment, unterbietet BYD etablierte Hersteller preislich deutlich. Mit Sommerbonus und voller staatlicher Förderung ist der Wagen ab 15.990 Euro erhältlich. Damit tritt BYD direkt gegen Volumenhersteller wie VW an. Bialkowski betont den technologischen Vorsprung: „Wir sind ein Technologieunternehmen und weniger ein klassischer Automobilhersteller.“ Die Eigenentwicklung von Batterien, Antrieben und Software verschaffe einen globalen und europäischen Wettbewerbsvorteil.
Ausblick: Marathon, nicht Sprint
Trotz des rasanten Tempos bleibt der Deutschland-Chef realistisch. „Das ist ein Marathon, kein Sprint“, sagte Bialkowski. Die Offensive sei langfristig angelegt. BYD wolle nicht nur als Importeur, sondern als europäischer Hersteller wahrgenommen werden. Mit dem dichten Händlernetz, dem Schnellladenetz und der lokalen Produktion legt der Konzern dafür die Basis. In den kommenden Jahren soll der Marktanteil in Deutschland weiter steigen und die Marke BYD zu einer festen Größe auf dem europäischen Automarkt werden.



