Die Chefin von Daimler Truck, Karin Rådström, hat eindringlich vor den Folgen der europäischen Regulierungspolitik für die Lkw-Branche gewarnt. „Die Existenz unserer Industrie in Europa ist bedroht“, sagte Rådström dem Handelsblatt. Sie forderte eine grundlegende Kehrtwende in der Industriepolitik, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Nutzfahrzeughersteller zu sichern.
Überregulierung und hohe Kosten belasten die Hersteller
Rådström kritisierte insbesondere die Vielzahl an neuen Vorschriften, die auf die Branche zukommen. Dazu gehören die CO2-Flottengrenzwerte für Lkw, die ab 2030 eine Reduktion um 45 Prozent und ab 2040 um 90 Prozent im Vergleich zu 2019 vorsehen. Hinzu kommen die geplanten Abgasnormen Euro 7 und strengere Regelungen zur Cybersicherheit. „Die Summe der Regulierungen ist überwältigend und führt zu massiven Kostensteigerungen“, betonte die Managerin.
Ein weiteres Problem seien die hohen Energiepreise in Europa. „In Deutschland zahlen wir für Strom und Gas ein Vielfaches dessen, was unsere Wettbewerber in den USA oder China bezahlen“, so Rådström. Dies mache die Produktion in Europa zunehmend unattraktiv. Daimler Truck habe bereits angekündigt, seine Lkw-Produktion in den USA auszubauen, während in Europa Standorte gefährdet seien.
Politische Rahmenbedingungen müssen sich ändern
Die Daimler-Truck-Chefin forderte die Politik auf, die Rahmenbedingungen zu verbessern. „Wir brauchen eine Industriepolitik, die auf Wettbewerbsfähigkeit setzt und nicht auf immer neue Regeln“, sagte sie. Konkret schlug Rådström vor, die Energiepreise durch einen Industriestrompreis zu senken und die Bürokratie abzubauen. Zudem müsse die Infrastruktur für alternative Antriebe wie Wasserstoff und E-Lkw ausgebaut werden.
„Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir erleben, wie die Lkw-Produktion Schritt für Schritt aus Europa abwandert“, warnte Rådström. Dies hätte nicht nur Arbeitsplatzverluste zur Folge, sondern auch eine strategische Abhängigkeit von Importen. „Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen ist es wichtig, eine eigene Produktion in Europa zu halten“, ergänzte sie.
Die Warnungen von Rådström kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die europäische Automobilindustrie insgesamt unter Druck steht. Auch andere Hersteller wie Volkswagen und BMW haben auf die Belastungen durch Regulierung und hohe Kosten hingewiesen. Die EU-Kommission hat angekündigt, ihre Industriepolitik zu überprüfen, konkrete Maßnahmen stehen jedoch noch aus.
Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette
Die Bedrohung der Lkw-Produktion in Europa hätte weitreichende Folgen für die gesamte Wertschöpfungskette. Zulieferer, die auf die Hersteller angewiesen sind, wären ebenfalls betroffen. „Viele kleine und mittlere Unternehmen hängen an der Lkw-Industrie“, erklärte Rådström. „Wenn die Produktion abwandert, verlieren sie ihre Existenzgrundlage.“
Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind in Deutschland rund 300.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Lkw-Produktion abhängig. Ein Rückgang der Produktion in Europa würde daher erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen verursachen. Rådström appellierte daher an die Politik, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu handeln.



