Die Abhängigkeit europäischer Autohersteller von asiatischen Batterien hat ein neues Rekordniveau erreicht: Im vergangenen Jahr stammten 77 Prozent der in Europa verbauten Batteriezellen für Elektroautos aus Asien. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Deloitte hervor. Im Jahr zuvor hatte der Anteil noch bei 70 Prozent gelegen – die Abhängigkeit wächst also weiter.
Besonders große Sorgen bereitet Deloitte die zunehmende Dominanz chinesischer Batterieproduzenten. „Europas Abhängigkeit insbesondere von chinesischen Batterieproduzenten steigt deutlich auf hohem Niveau“, erklärte das Beratungsunternehmen. Chinesische Hersteller haben in den vergangenen Jahren massiv in Produktionsstätten investiert und ihre Präsenz in Europa ausgebaut.
Die einseitige Konzentration auf eine Region birgt erhebliche Risiken für die europäische Autoindustrie. Kommt es etwa zu Lieferengpässen, politischen Verwerfungen oder Handelskonflikten, könnten die Produktionsbänder in Europa schnell stillstehen. Eine diversifizierte Lieferkette wäre daher aus Industriesicht dringend geboten.
Europas Produktion: 13 Prozent Marktanteil, 98 Prozent Fremdbestimmung
Die aktuellen Zahlen zeigen, wie groß das Ungleichgewicht ist: Auf Europa entfallen lediglich 13 Prozent der weltweiten Batteriezellenproduktion. Von den europäischen Produktionskapazitäten werden 98 Prozent von asiatischen Unternehmen kontrolliert – nach 97 Prozent im Jahr 2024. Selbst die Fertigungsstätten, die auf europäischem Boden entstehen, gehören damit mehrheitlich ausländischen Konzernen. Entscheidungen über Technologie, Investitionen und Gewinnverwendung fallen folglich nicht in Europa.
Für die Automobilindustrie hat das weitreichende Folgen. Die Batterie ist der wichtigste Einzelbestandteil eines Elektroautos und trägt erheblich zur Wertschöpfung bei. Wer keine eigene Batterieproduktion vorweisen kann, verliert nicht nur den Einfluss auf die Lieferkette, sondern auch auf Kosten und Preisgestaltung. Am Ende droht ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Herstellern aus Asien, die ihre Batterien kostengünstig und in ausreichender Menge produzieren.
Milliardengewinne wandern ins Ausland
Die finanziellen Konsequenzen der Importabhängigkeit sind beträchtlich. Nach Berechnungen von Deloitte entgehen den europäischen Batterieherstellern in den kommenden vier Jahren Gewinne in Höhe von 10,5 Milliarden Euro, falls es nicht gelingt, die Produktion im eigenen Land aufzubauen. Diese Summe würde andernfalls an asiatische Wettbewerber fließen und deren Vorsprung weiter vergrößern.
Harald Proff, Leiter des Automobilbereichs bei Deloitte, nennt die Gründe für die Dringlichkeit: „Batterien bestimmen Reichweite, Leistung und Preis eines Elektroautos. Wenn europäische Hersteller hier nicht wettbewerbsfähig sind, werden die Absätze künftig noch stärker unter Druck geraten.“ Umso wichtiger sei es, dass Branche und Politik „gemeinsam gegensteuern“, so Proff weiter.
Nachfrage dürfte weiter steigen
Die Lage dürfte sich noch verschärfen, da die Nachfrage nach Batterien in den kommenden Jahren deutlich zulegen wird. Deloitte erwartet, dass bis 2030 knapp 28 Millionen Elektroautos in Europa produziert werden. Für diese Fahrzeuge werden enorme Mengen an Batteriezellen benötigt. Wenn die Produktion nicht in Europa stattfindet, wächst die Einfuhrabhängigkeit entsprechend mit. Das betrifft nicht nur die Autohersteller selbst, sondern auch die vielen Zulieferer entlang der Wertschöpfungskette.
Proff sieht trotz der Herausforderungen eine realistische Chance für die europäische Industrie: „Die Batterieproduktion ist eine langfristige Wette, die die europäischen Unternehmen noch gewinnen können.“ Allerdings seien die Hürden hoch: „Die Probleme liegen bei der Finanzierung und der Industrialisierung.“ Zwar werde in Europa intensiv an neuen Batterietechnologien geforscht, doch der Übergang von der Forschung zur Serienproduktion stocke.
Investitionen und Fördermittel müssen ausgeweitet werden
Damit Europa den Rückstand aufholt, fordert Deloitte ein Umdenken bei der Förderpolitik. Bisher konzentrierten sich Investitionen und Fördermittel häufig auf die Forschungs- und Entwicklungsphase. Doch gerade die ersten Betriebsjahre einer Batteriefabrik sind äußerst kapitalintensiv, heißt es in der Studie. Ohne kostendeckende Produktion lassen sich Skaleneffekte nicht erzielen, die für den Preiswettbewerb entscheidend sind. Die Unterstützung müsse daher auch die Anlaufphase umfassen, erklärten die Studienautoren.
Darüber hinaus brauche es verlässliche Rahmenbedingungen und langfristige Industriestrategien, um den Aufbau eigener Fertigungskapazitäten attraktiv zu machen. Ansonsten drohe Europa, in einer Schlüsseltechnologie der Mobilität von morgen dauerhaft von Importen abhängig zu bleiben – mit wirtschaftlichen und strategischen Nachteilen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die europäische Automobilindustrie die Kurve bekommt. Klar ist: Ohne entschlossenes Handeln von Industrie und Politik wächst die Abhängigkeit von Asien weiter. Das hätte nicht nur Folgen für das Geschäft der Autobauer, sondern auch für die technologische Souveränität Europas.



