Der langjährige Aktienboom in den USA hat eine neue Wohlstandsklasse geschaffen: Millionen normale Amerikaner sind durch ihre Altersvorsorgekonten zu Papier-Millionären geworden. Laut einem Bericht des SPIEGEL von Katharina Kort ist dieses System jedoch extrem anfällig für Kurseinbrüche. Die Abhängigkeit der privaten Altersvorsorge von den Finanzmärkten ist so groß, dass sich die Frage stellt, ob Regierung und Notenbank einen Börsencrash überhaupt noch zulassen können.
Die neue Millionärsklasse
Dank steigender Aktienkurse haben viele US-Bürger, die über 401(k)-Pläne oder individuelle Rentenkonten (IRAs) sparen, ein Vermögen angehäuft, das sie früher nie für möglich gehalten hätten. Der Anteil der Haushalte, die direkt oder indirekt Aktien besitzen, liegt bei über 60 Prozent, wie das Investment Company Institute berichtet. Die durchschnittlichen Guthaben auf diesen Konten sind in den letzten Jahren auf Rekordhöhen gestiegen. Für viele Arbeitnehmer ist der Aktienmarkt damit zum wichtigsten Baustein der Alterssicherung geworden.
Das Risiko der Abhängigkeit
Doch diese Entwicklung hat eine Kehrseite: Die gesamte Altersvorsorge einer ganzen Nation hängt nun an der Börsenentwicklung. Ein tiefer und langanhaltender Börsencrash könnte nicht nur die Aktienkurse vernichten, sondern auch die Alterseinkünfte von Millionen Menschen gefährden. Experten warnen, dass die Blase an den Märkten durch die massive Geldpolitik der Federal Reserve und die hohe Verschuldung von Staat und Unternehmen weiter aufgebläht wird. Die Frage, ob die Regierung und die Notenbank einen Crash verhindern können, wird damit zu einer zentralen politischen Herausforderung.
Kann die Politik einen Crash verhindern?
In der Vergangenheit haben die Fed und die US-Regierung immer wieder mit Milliardenhilfen und Zinssenkungen auf Kursverluste reagiert. Diese „Fed-Put“-Mentalität, also die Erwartung, dass die Notenbank bei fallenden Kursen eingreift, hat die Risikobereitschaft der Anleger erhöht. Doch die Möglichkeiten der Geldpolitik sind begrenzt. Wenn die Inflation hoch bleibt oder die Staatsverschuldung weiter steigt, könnte der Spielraum für Interventionen schwinden. Zudem wäre ein Eingreifen bei einem Crash aus Sicht vieler Ökonomen moralisch fragwürdig, da es die Spekulation belohnt und die Ungleichheit weiter verstärkt.
Die Frage, ob die Finanzmärkte zu einem „Too big to fail“ für die gesamte Altersvorsorge geworden sind, bleibt offen. Die Entwicklung in den USA zeigt, wie verletzlich das System ist, wenn Vermögen und Alterssicherung fast ausschließlich von der Börsenentwicklung abhängen. Die Politik steht vor einem Dilemma: Sie muss entweder die Risiken eingestehen und die Abhängigkeit verringern oder hoffen, dass der Boom unbegrenzt anhält.



