Die Bundesnetzagentur bereitet sich mit konkreten Notfallplänen auf mögliche großflächige und langanhaltende Stromausfälle vor. Wie aus einem Bericht der „Welt“ hervorgeht, arbeitet die Behörde an einer „Sicherheitsplattform Strom“, einem digitalen Instrument, das im Krisenfall eine schnelle und koordinierte Reaktion ermöglichen soll. Betriebe mit einem jährlichen Strombedarf von mehr als acht Gigawattstunden müssen sich demnach auf dieser Plattform registrieren und könnten im Ernstfall gezwungen werden, ihre Produktion innerhalb weniger Tage herunterzufahren.
Hintergrund: Der tagelange Blackout in Berlin
Anfang Januar waren tausende Haushalte im Berliner Südwesten tagelang ohne Strom und Heizung. Dieser Vorfall machte die Verletzlichkeit der deutschen Energieversorgung in dramatischer Weise deutlich. Die Bundesnetzagentur reagiert nun mit der geplanten Plattform, um bei künftigen Energiekrisen gewappnet zu sein. Die Unternehmen, die von den seit mindestens zwei Jahren laufenden Planungen betroffen sind, wurden bisher jedoch nicht informiert.
Funktionsweise der Sicherheitsplattform Strom
Die Plattform soll vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion betrieben werden. Die Bundesnetzagentur übernimmt die Rolle des Koordinators und verteilt die verfügbaren Stromkontingente an die registrierten Unternehmen. Falls ein Betrieb die Anweisung zur Produktionsdrosselung ignoriert, kann die Behörde den Strom zwangsweise abschalten. Im Notfall soll der Strom für bis zu 24 Stunden abgestellt werden können – allerdings mit einer Vorlaufzeit von drei Tagen, wie es in dem „Welt“-Bericht heißt.
Vorbild: Die Sicherheitsplattform Gas
Eine ähnliche Kommunikationsplattform existiert für Gas bereits seit 2022. Mit der „Sicherheitsplattform Gas“ kann die Bundesnetzagentur im Notfall die Verbrauchsdaten großer Firmen einsehen und bei Bedarf Reduzierungen des Gasverbrauchs anordnen. Die neue Stromplattform soll dieses bewährte Konzept nun auf den Stromsektor übertragen.
Betroffene Branchen und Reaktionen
Besonders betroffen wären energieintensive Unternehmen, etwa aus der Chemie-, Metall- und Lebensmittelindustrie. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mahnte jedoch zur Gelassenheit. Der Aufbau des Instruments erfolge „nicht aufgrund von Anzeichen für eine mögliche Energiemangellage“, erklärte der Verband gegenüber der „Welt“. Es sei vielmehr wichtig, sich mit sinnvollen Instrumenten auf mögliche Krisen vorzubereiten. Auch Amprion betonte, dass es sich um den „präventiven Aufbau eines Werkzeugs“ handle, nicht um ein Zeichen für eine bevorstehende Mangellage.
Kritik an der kurzfristigen Umsetzung
Bei einer Informationsveranstaltung für Netzbetreiber Anfang Juni soll es kritische Nachfragen gegeben haben. Ein Vertreter eines Stromnetzbetreibers merkte an, dass die Umsetzung zeitlich sehr kurzfristig sei – auch „weil Sie ja mehrmals betonen, dass keine Mangellage erwartet wird“, schrieb der Teilnehmer in den Chat der Online-Veranstaltung. Ein Mitarbeiter der Bundesnetzagentur entgegnete daraufhin, dass der präventive Aufbau eines Notfall-Werkzeugs dennoch wichtig sei. Die Bundesnetzagentur selbst ließ verlauten, dass die Stromversorgung in Deutschland „sehr sicher“ sei und eine großflächige Störung „sehr unwahrscheinlich“. Derzeit bestehe keine Mangellage beim Strom.
Geheimhaltung und Informationspolitik
Eine offizielle Veröffentlichung der Pläne strebt die Bundesnetzagentur offenbar nicht an. Die „Welt“ beruft sich auf ein FAQ zur Funktion der Plattform, dessen Herkunft jedoch ungeklärt ist – es könnte sich um ein internes Papier handeln. Die Belastbarkeit dieser Information sei gering, so die Zeitung. Dennoch zeigen die Vorbereitungen, dass die Behörde sich für worst-case-Szenarien wappnet, ohne konkrete Anzeichen für eine unmittelbare Krise zu sehen.



