In einem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz haben ehemalige Führungskräfte deutscher Atomkraftwerke die Reaktivierung der Kernkraft gefordert. Die Unterzeichner, darunter frühere Geschäftsführer und technische Leiter von AKWs wie Isar 2, Neckarwestheim und Emsland, betonen, dass eine Wiederinbetriebnahme der Ende 2022 abgeschalteten Meiler technisch möglich und volkswirtschaftlich sinnvoll sei.
Appell an den Kanzler
Der Brief, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, richtet sich direkt an den Kanzler. Die Ex-Manager argumentieren, dass die drei letzten abgeschalteten Kernkraftwerke – Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland – innerhalb weniger Monate wieder ans Netz gehen könnten. „Die Anlagen befinden sich in einem hervorragenden Zustand und wurden nicht zurückgebaut“, heißt es in dem Schreiben. Die Betreibergesellschaften hätten die Werke in sogenannten Nachbetriebsphasen gehalten, was eine Reaktivierung erleichtere.
Technische Machbarkeit und Kosten
Die ehemaligen AKW-Chefs beziffern die Kosten für eine Wiederinbetriebnahme auf rund 150 bis 200 Millionen Euro pro Kraftwerk – eine Summe, die im Vergleich zu den volkswirtschaftlichen Vorteilen gering sei. „Die Kosten sind überschaubar, der Nutzen für die Energieversorgungssicherheit und den Klimaschutz wäre enorm“, so die Unterzeichner. Zudem verfügten die Kraftwerke noch über ausreichende Brennelemente für einen mehrjährigen Betrieb. Die Wiederinbetriebnahme könnte nach ihrer Einschätzung innerhalb von sechs bis neun Monaten erfolgen.
Kritik an der Abschaltung
Die Ex-Manager kritisieren die Abschaltung der Kernkraftwerke im April 2023 als überstürzt. „Die damalige Entscheidung war politisch motiviert und nicht durch technische oder sicherheitstechnische Gründe gedeckt“, schreiben sie. In der aktuellen Energiekrise, die durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verschärft wurde, sei die Kernkraft eine verlässliche und CO₂-arme Brückentechnologie. Deutschland sei auf teure und unsichere Energieimporte angewiesen, während eigene emissionsarme Kapazitäten brachlägen.
Reaktionen aus der Politik
Die Bundesregierung hatte eine Verlängerung der Laufzeiten mehrfach abgelehnt. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verwies auf die Ergebnisse der Stresstests, die eine sichere Stromversorgung ohne Kernkraft bestätigt hätten. Die Ex-AKW-Chefs widersprechen: „Die Stresstests gingen von optimistischen Annahmen aus und berücksichtigten nicht die tatsächlichen Risiken eines kalten Winters ohne Gaslieferungen aus Russland.“ Derweil fordern auch Teile von CDU/CSU und FDP eine Rückkehr zur Kernkraft. Der Brief der Ex-Manager könnte die Debatte weiter anheizen.
Branche und Verbände uneins
Während der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) eine Reaktivierung ablehnt, sehen Atomkraftbefürworter in der Initiative eine Bestätigung ihrer Position. „Die Fachleute vor Ort wissen am besten, was machbar ist“, erklärte der Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft. Kritiker warnen hingegen vor unkalkulierbaren Risiken und fehlenden Versicherungen für Atomunfälle.
Die Ex-AKW-Chefs schließen ihren Brief mit einem eindringlichen Appell: „Herr Bundeskanzler, nutzen Sie die Chance, die Energieversorgung Deutschlands zu sichern und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Die Kernkraft ist eine Option, die wir uns nicht leisten können, ungenutzt zu lassen.“



